Ein Trekking durch den madagassischen Dschungel gehört zu den noch selten gewagten Abenteuern

Mystisch, wild und unergründlich

Das Klima ist schweisstreibend, der Weg schlammig: Der Masoala-Treck ist alles andere als ein Spaziergang. Doch die Pflanzen- und Tierwelt im letzten grossen Urwaldgebiet Madagaskars lässt den Abenteurer jegliche Strapaze vergessen.
25. Februar 2011, 00:00
Neue Zürcher Zeitung

Claudia Hager

Ein Schrei durchbricht die Stille. Trotz der Hitze erschaudern wir, unsere Füsse stocken. Das Heulen wird immer lauter und durchdringender – und geht nach ein paar Minuten in glucksende Töne über. Irritiert schauen wir um uns, suchen das grüne Dickicht nach dem Urheber dieser aussergewöhnlichen Laute ab, doch ohne Erfolg. «Ein Roter Vari», klärt uns unser Guide Augustin schliesslich lachend auf. «Mit diesem Geschrei markieren die Halbaffen ihr Revier.»

Im Masoala-Nationalpark

Wir sind also im Territorium der Roten Varis angekommen. Nach drei Tagen Waten durch überflutete Reisfelder und Wandern durch Dörfer und Zebu-Weiden haben wir den Nationalpark Masoala erreicht, das letzte grosse Regenwaldstück Madagaskars. Mit jedem Schritt tiefer in den Wald nimmt die Feuchtigkeit zu und legt sich wie ein warmer, nasser Vorhang um uns. Der schlammige Weg dampft, verewigt unsere Fussabdrücke im rötlichen Lehm.

Zunächst sehen wir bloss eine grüne Wand. Doch nach wenigen Minuten beginnt das Auge verschiedene Farbtöne aus dem scheinbaren Einerlei zu filtern. Konturen zeichnen sich ab in Form von Farnen, Gräsern und Moospolstern. Lianen baumeln aus dem Blätterdach, Kletterpflanzen umschlingen Äste, und armdicke Bambusse stemmen sich in die Höhe. Noch ist der Wald mit lichten Stellen durchsetzt. Farne und Ingwergewächse bilden meterhohe Dickichte, doch bis auf ein paar Ravenala – auch Baum der Reisenden genannt – oder vereinzelte Bananenstauden fehlen grössere Bäume. Solche Sekundärvegetationen seien nach Brandrodungen noch vor der Schaffung des Parks entstanden, erklärt Augustin. Derzeit hielten sich die lokalen Bauern grösstenteils an die Schutzzonen – und beschränkten Waldrodungen für den Anbau von Bergreis, Vanille oder Zuckerrohr auf die Aussenzonen des Parks.

(© NZZ-Infografik / mfe.
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| NZZ-Infografik / mfe.

Nach wenigen Stunden verdichtet sich der Wald. Die Baumkronen verhaken sich immer mehr ineinander und bilden bald ein geschlossenes Blätterdach, das jegliches Sonnenlicht abschirmt. Der Blick nach oben lässt den Wanderer schwanken – die Bäume sind Riesen gewichen. Skurrilen Riesen. Der Ramy pflanzt seine Wurzeln wie Riesenkrallen auf den Waldboden. Die Ravenala plustert ihren meterlangen Blattfächer wie ein balzender Pfau. Der Uapaca wiederum thront auf einem hüfthohen Geflecht von Stelzwurzeln.

Regen, Quellen, Bäche

Die Riesen haben muntere Gesellschaft: Auf ihren Ästen wachsen Orchideen und andere Aufsitzerpflanzen, an ihren Stämmen ranken sich Pfeffergewächse und Würgefeigen hoch, um das wenige Sonnenlicht kämpfend. In ihrem Schatten wuchern Riesenfarne, Schachtelhalme und Kardamomgewächse, vereinzelt auch die insektenfressende Kannenpflanze. Daneben schraubt der Pandanus-Baum seine Blätter in die Höhe, und Palmen ganz unterschiedlicher Art und Statur wiegen ihren buschigen Kopf.

Überall ist Wasser. Aus dem Blätterhimmel fällt ein feiner Regenschleier, an den Baumstämmen rinnen Tropfen hinunter und lassen die satten Moospolster aufleuchten. Selbst die Steine und Felsbrocken hüllen sich in eine matt glänzende Wasserschicht. Im Dickicht entspringen immer wieder Quellen, wachsen zu Bächen heran und wälzen sich schliesslich als Flüsse durch den Dschungel. Oft greift sich ein Bach auch unseren Weg als Abfluss. Dann wiederum kapituliert der Weg vor dem Fluss – immer öfter waten wir durch Wasser, das zuerst knöchel-, schliesslich hüfthoch steht.

Mit der Zeit entdecken wir mehr und mehr tierische Bewohner des Regenwaldes. Fliegen, Libellen und Sommervögel tummeln sich in der Luft, selten auch ein Paradiesschnäpper oder ein Malachit-Eisvogel. Am Boden krabbeln Käfer in allen erdenklichen Farben, aus den Ästen seilen sich Spinnen ab, und Heuschrecken springen aus dem Unterholz. Krebse stolzieren im Schlamm umher, und hin und wieder hüpft ein bunter Frosch davon. Viele der Waldbewohner sind so perfekt an ihre Umgebung angepasst, dass wir sie ohne das geübte Auge unseres Führers nur schwerlich entdeckt hätten. So etwa die blattgrünen Taggeckos oder die Blätter imitierenden Pantherchamäleons. Eher publikumsscheu sind auch die Hundskopfboa und der Schlangenadler, die Weisskopfmakis lassen sich dagegen kaum in ihrem Spiel hoch oben in den Baumkronen stören.

Illegaler Holzschlag

Sehr selten kreuzen Einheimische unseren Weg, alle bewaffnet mit einem Buschmesser. Das fröhliche «Salut, vazaha» – «Hallo, Fremde» – der letzten Tage ist einem grösstenteils fragenden bis misstrauischen Blick gewichen. Einige von ihnen seien auf der Suche nach Edelhölzern wie Rosen- oder Ebenholz, erklärt unser Guide. Da diese Tropenhölzer ausserhalb der Schutzzone praktisch ausgerottet seien, würden die wertvollen Stämme vermehrt auch im Park geschlagen. «Die Armut und Arbeitslosigkeit verleitet immer wieder zu illegalem Holzschlag», seufzt Augustin.

Tierische Vielfalt

Bei Einbruch der Dunkelheit schlagen wir unser Zelt am Ufer des Onive auf, unmittelbar bevor sich der Fluss in einen 70 Meter hohen Wasserfall ergiesst. Mitten im Herzen Masoalas sitzen wir um ein Lagerfeuer und lauschen den Geräuschen des Dschungels. Des Nachts spricht der Wald besonders laut; rauschend wiegen sich die Urwaldriesen im Dunkeln. Fledermäuse ziehen zischend ihre Luftschlaufen, Roteulen tuten von ihrem Hochsitz herunter. Überall pfeift und zirpt, surrt und summt es – stundenlang, in allen Tonlagen. Der Onive gurgelt, sein Wasser schäumt im Mondlicht.

Im flackernden Schein des Feuers gibt uns Augustin einen Überblick über die nächsten Tage. Noch einen Tag werden wir uns durch das Dickicht des Dschungels kämpfen und dabei dem immer grösser werdenden Onive folgen – und ihn unzählige Male durchqueren. Der Weg wird beschwerlich bleiben, schlammig, von Wurzeln und Schlingpflanzen durchsetzt, ein stetes Auf und Ab. Dann wird sich der Urwald schrittweise wieder lichten und Reisterrassen, Vanille- und Kaffeeplantagen sowie Dörfern Platz machen. Wie in den ersten Tagen unserer Wanderung werden wir bei Einheimischen übernachten, die uns staunend und neugierig empfangen werden. Schliesslich wird uns ein Einbaum auf dem Onive in fünf Stunden in die Nähe der Küste bringen, mit etwas Glück werden wir Nilkrokodile erspähen. Und dann?

Ein Knacken im Holz unterbricht unsere Gedankengänge. «Vielleicht eine Fossa», flüstert Augustin. Doch nein, die bis 1,50 Meter lange Schleichkatze lässt sich diesen Abend nicht blicken. Ebenso wenig wie der Aye-Aye, das schwarze Fingertier mit den Fledermausohren und den langen, dünnen Fingern. Dafür offenbart uns die Taschenlampe einen Plattschwanzgecko auf nächtlichem Beutezug. Der Schein der Lampe wandert den Stämmen entlang nach oben – und lässt die Bäume erstrahlen wie zur Weihnachtszeit: Dutzende von roten Punkten leuchten auf, tanzen in der Dunkelheit. Auf einmal löst sich daraus ein Punktepaar und hangelt sich den Ästen entlang zu uns hinunter. Der Schein der Lampe bannt einen Mausmaki, der uns neugierig beäugt. In den nussgrossen Kulleraugen des Fellbündels spiegelt sich die ganze Schönheit des Regenwalds: seine Mystik, Wildheit und Unergründlichkeit.

Gut zu Wissen

Anreise: Von der madagassischen Hauptstadt Antananarivo per Inlandflug nach Maroantsetra oder Antalaha.

Route: Von Maroantsetra nach Antalaha oder umgekehrt; Dauer rund 7 Tage.

Anforderungen: Gute Grundkondition, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Der Weg ist immer wieder unwegsam und schlammig. Oft ist das Durchwaten von teilweise hüfthohen Flüssen unausweichlich. Touristische Infrastruktur existiert praktisch nicht. Die Mitnahme eines Zeltes ist empfehlenswert.

Touristenführer: Geeignete Führer können in den Büros von Madagascar National Parks in Maroantsetra oder Antalaha gebucht werden. In Maroantsetra, wo die Nationalparkverwaltung liegt, ist die Organisation einfacher.

Beste Reisezeit: September und Oktober sind die trockensten Monate.

« Masoala light»: Wer den Regenwald ohne die Strapazen des Trekkings erkunden möchte, dem empfiehlt sich beispielsweise ein Besuch der Tampolo-Lodge an der Küste des Masoala-Parks oder der Insel Nosy Mangabe, eines geschützten Reservats in der Bucht vor Maroantsetra.

Links: www.masoala.org ; www.parcs-madagascar.com .

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