Das Massaker des Bischofssprechers

ISLAMISMUS ⋅ Giuseppe Gracia, Schriftsteller und Sprecher von Bischof Vitus Huonder, hat ein Buch zum islamistischen Terror, zum Christentum und zu den Werten des Westens veröffentlicht. Der Text ist verstörend – und politisch hochbrisant.
20. Mai 2017, 05:00

Pascal Hollenstein

Provokation ist sein Handwerk. Als Kommunikationsbeauftragter des Bistums Chur scheut Giuseppe Gracia keine Kontroverse. Geschickt setzt er die konservativen Ansichten seines Chefs, Bischof Vitus Huonder, medial in Szene: gegen die Kommunion für Wiederverheiratete, gegen gelebte Homosexualität, gegen das, was der Bischof «Gender-Ideologie» nennt. Je grössere Debatten Huonder auslöst, desto wohler scheint es Gracia zu sein. Gerne spricht er dann vom Mainstream, dem man Paroli bieten müsse, von politischer Korrektheit.

Giuseppe Gracia hat ein zweites Leben. Im Grunde ist es sein erstes. Er ist Schriftsteller. Das eine Leben sei vom anderen abgegrenzt, sagt Gracia. Hier der Bischofssprecher, da der Schriftsteller. Da ist man sich nicht so sicher. Soeben ist «Der Abschied», Gracias neues Buch, erschienen. Es handelt «von religiösem Fundamentalismus, politischer Korrektheit und der Totalverwertung des Menschen im Kapitalismus», wie Gracia sagt. Und es wird Ärger geben.

Der Ich-Erzähler trägt autobiografische Züge. Gracias Bruder hat sich das Leben genommen. Im Roman geschieht dies mit Veronika, der Frau des Ich-­Erzählers. Dieser wird wegen seiner religiösen Ansichten gemieden und arbeitet für einen Bischof. Im Buch hat er ­einen Schwager namens Lichtenberger.

 

«Einmal geniessen wir Bordeaux und Amarone und debattieren so intensiv wie lange nicht mehr: über Theater, Literatur, Politik. Lichtenberger meint, ich solle in Zukunft keine kirchenfreundlichen Artikel mehr schreiben. Das geht nicht, betont er, heute darfst du nur noch die Gebote der sexuellen Entgrenzung verkünden, die Durchschnittsgedanken des Wohlstands-Humanisten mit seinen feministisch verpackten Domina-Träumen und seinen Charterflug-Sehnsüchten.»

 

Die Klage über Gesinnungsterror der «offiziellen Kulturkirche», der «Kultur-Oberklasse», die «Hohepriester der Volkserziehung in den Redaktionen und Regierungen» mit ihren «offiziell approbierten Kulturgottesdiensten» zieht sich durch das ganze Buch hindurch. Sie steigert sich in die Fantasie eines für diese Kreise wahrhaft provokanten Theaterstücks: eine glückliche, monogame Vollzeitmutter auf der Bühne, dazu regnet es Föten aus Abtreibungskliniken.

Die Schlüsselszene in diesem verstörenden Buch spielt aber nicht auf einer Bühne, sondern in einem schicken Berliner Hotel, in dem sich Kulturschaffende, Journalisten, Unternehmer, Wissenschaftler und Sportler versammeln. Die Gesellschaft wird von islamistischen Terroristen in Geiselhaft genommen. Es folgt eine Abrechnung mit der westlichen Kultur, mit den westlichen Werten, direkt übertragen vom Fernsehen. Die Terroristen machen den Geiseln den Prozess und töten eine nach der anderen.

«Und damit befiehlt Hamed S. die Tötung des Chefredakteurs, der Filmschauspielerin und der Bundespolitikerin. Man fragt die Opfer noch nicht einmal, ob Kugel oder Schwert, sondern schiesst ­ihnen von hinten in den Kopf: zuerst dem Chefredakteur, dann den Frauen.

Es ist eigenartig, dass die Filmschauspielerin in die Knie geht, bevor eine Kugel sie trifft, noch während man auf die Bundespolitikerin ansetzt. Und nach dem Kopfschuss der Politikerin fällt diese hin und macht mit den Armen Ruderbewegungen, als wolle sie am Boden entlang durch das Blut davonschwimmen, durch das Blut des Chefredakteurs, (...) und durch das eigene Blut. Als die Filmschauspielerin zu kreischen beginnt, wird sie durch mehrere Kugeln zum Schweigen gebracht, von links und rechts, in die Schulter und in den Hals, wobei die Schauspielerin bei jedem Treffer dramatisch hochzuckt.»

Es ist eine Blutorgie, die Gracia hier beschreibt. Und doch stellt er die Islamisten nicht etwa als dumpfe Gewalttäter, sondern als reflektierende Menschen dar. Ihre Taten sind wohlüberlegt, der Anführer der Islamisten, Hamed S., begründet sie in einer Ansprache.

«Dieser Hintergrund sei nichts anderes als Allah. Der einzige wahre Gott mit der einzigen wahren Macht, den Menschen vor der eigenen seelenzerstörenden Gottvergessenheit zu bewahren. Daher seien die Märtyreroperationen ganz das Gegenteil von barbarischen Akten der Menschenvernichtung, vielmehr ein Kampf gegen die Degradierung der Menschen zur globalisierten Ware, gegen die Herrschaft der Wirtschafts- und Konsumlüge als Existenzverfälschung. Das sei die Wahrheit, die in den westlichen Medien verschwiegen werde, wie es überhaupt der Westen sei, der mit seinen Techniken der Massenmanipulation barbarische Akte der Menschenvernichtung betreibe – nicht der Islam, der als letzte Weltreligion noch den Mut zum Widerstand aufbringe, nachdem Juden und Christen längst zu Huren des Kapitals geworden seien.»

 

Bei seinen Schilderungen hat sich Gracia unter anderem von Zeugenaussagen zum Attentat auf das Pariser Vergnügungsetablissement Bataclan inspirieren lassen. Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, hat Gracia in theologischen Fragen beraten. Sein Anliegen: Man solle islamistische Terroristen nicht a priori als fanatisierte Halbgebildete verstehen, sondern als Kritiker der Globalisierung.

«Ich überlege (...) ob diese Leute nicht vielleicht doch ihre tieferen Gründe haben, um den Lebensstil zu hassen, mit dem sie aufgewachsen sind. Ob sie sich tatsächlich nicht radikalisieren lassen würden, wenn sie gut integriert wären, das heisst: wenn sie attraktive Jobs und Frauen und Wohnungen hätten. (...) Ich überlege, ob unsere Jungterroristen den Westen nicht im Grunde einfach durchschauen: unsere unter der glänzenden Oberfläche doch recht geistlose Hamsterrad-Existenz.»

Und das ist der dritte Punkt in Gracias Buch: Wie es die Islamisten tun, lässt er seinen Ich-Erzähler mit der westlichen Gesellschaft radikal abrechnen. Dieser sieht nicht die individuellen Freiheiten und nicht die Abwesenheit von materieller Not als Errungenschaft. Vielmehr glaubt er im Westen ein System zu erkennen, das den Menschen zu einem Produktionsfaktor degradiert – oder vielmehr: In dem der Mensch sich freiwillig zur Arbeitsbiene erniedrigt. Und genau wie die Islamisten sieht er die Lösung nicht in einer Befreiung des Menschen von Zwängen, sondern in der Rückkehr zu alten Werten. Der Ich-Erzähler mag die Methoden und die Religion der Terroristen ablehnen, ihre kulturpessimistische Diagnose teilt er. Obwohl er es war, der seine beruflich engagierte Frau Veronika nach einem Seitensprung verstossen hat, ist für ihn klar, dass selbst die Schuld an ihrem Suizid andernorts liegt:

«Von Anfang an hat mir Veronikas Mutter die Schuld am Selbstmord ihrer Tochter gegeben. Genauso, wie sie mir schon vor der Hochzeit klargemacht hat, dass sie sich für die Karriere ihrer Tochter etwas anderes vorgestellt hat als mich, weil Veronika nicht mich, sondern die Welt erobern sollte. (...) Schliesslich habe ich ihr gesagt, dass sie ihre Tochter getötet hat, so wie alle Hippiefrauen ihre Töchter getötet haben. Der lebenslange Dienst am Kapital, der Stress im Büro als weibliche Befreiung? Eine ganze Generation drogenverblödeter Mütter, die ihre Töchter nicht als lebenslange Liebe eines Mannes sehen wollten, sondern als pillenfitte Lebensabschnitts-Konkubine aller Männer.»

Giuseppe Gracia wird sein problematisches Buch auf einer Tournee an Lesungen vorstellen, darunter in Luzern und St. Gallen. Neben Keller-Messahli soll an einigen auch Nationalrat Gerhard Pfister teilnehmen. Für den CVP-Präsidenten bietet sich hierbei Gelegenheit, die von ihm propagierte Wertedebatte zu befeuern. «Literatur muss provozieren und sich einmischen», sagt Gracia. Das Interesse daran dürfte hoch sein.

Im Buch gibt der fiktive Bischof Sätze wie «Was heute als Sexualität gilt, (...) ist eine kollektive Onanie» von sich. Man würde vom realen Bischofssprecher gerne wissen, was in seinem zweiten Leben in Chur wirklich besprochen wird.

Video: Hörprobe aus dem Buch «Der Abschied» von Giuseppe Gracia

An der Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Erinnerung und Traum erlebt der Erzähler den Trip seines Lebens, als er mit seinem besten Freund, dem Regisseur Lichtenberger, einen Berliner Kulturanlass besucht, der von islamistischen Terroristen gestürmt wird. Live übertragen ins Internet, werden die Opfer mit Schwert und Maschinenpistole hingerichtet, während der Erzähler unter den Geiseln plötzlich seine vor Jahren verstorbene Frau entdeckt. (, 19.5.2017)




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