Schindler: Europa macht Flaute in Asien wett

EBIKON ⋅ Mit China und Indien schwächeln die beiden wichtigsten Märkte für die Liftbranche. Dennoch gelang es Schindler, zu wachsen und die Rentabilität zu steigern. Für die Aktionäre gibt es eine Sonderdividende.
15. Februar 2017, 22:42

Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Auf den ersten Blick könnte die aktuelle Entwicklung in der Aufzugbranche Sorge um den Luzerner Lifthersteller Schindler auslösen. Der globale Aufzugsmarkt ist im vergangenen Jahr zum zweiten Mal in Folge geschrumpft. Während 2015 noch 803000 Lifte neu installiert wurden, waren es 2016 noch 770000. Selbst im boomenden Markt China, dem grössten und wichtigsten Markt für die Branche, war der Absatz laut Schindler um 6 bis 7 Prozent rückläufig. Bereits 2015 schrumpfte der chinesische Markt um 5 Prozent.

Hinzu kommt Indien, der zweitgrösste Markt der Branche, der wegen einer Massnahme der Regierung am Schwächeln ist. Vergangenen November hat die indische Regierung über Nacht gewisse alte Banknoten für ungültig erklärt, was den Immobilienmarkt empfindlich traf (siehe Box unten). Und da wäre noch der starke Preisdruck: 2016 seien die Preise «im hohen einstelligen Prozentbereich» unter dem Niveau von 2015 gelegen, sagte Konzernchef Thomas Oetterli am Mittwoch an der Bilanz­medienkonferenz im Hotel Palace in Luzern.

Die Marktposition weiter gestärkt

Allfällige Sorgen sind jedoch unbegründet. Schindler hat 2016 seine Marktposition gestärkt. Trotz der Flaute im chinesischen und im indischen Markt konnte der Aufzugskonzern den Auftragseingang um 4,6 Prozent und den Umsatz um 3,6 Prozent in Lokalwährungen steigern. Der Konzerngewinn stieg um 10,2 Prozent auf 823 Millionen Franken. Darin enthalten sind zwei Sonderef­fekte: zum einen der Verkauf des Japan-Geschäfts (31 Millionen Franken) sowie eine Neubewertung der Also-Beteiligung (26 Millionen Franken). Doch auch ohne Sondereffekte hat der Gewinn um 2,5 Prozent zugelegt. Die Profitabilität des Unternehmens nahm ebenfalls zu: Die Gewinnmarge stieg von 11 Prozent auf 11,5 Prozent – mehr, als die Analysten erwartet hatten.

Die Steigerung des Jahresergebnisses ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass es Schindler gelang, das langsa­mere Wachstum in anderen Weltregionen wettzumachen. Allen voran in Europa, wo der Umsatz um über 4 Prozent zulegte und damit die Regionen Amerika und Asien-Pazifik hinter sich liess (siehe Grafik). Im Jahr 2015 hatte es noch genau umgekehrt ausgesehen. Damals verzeichnete Europa ein Miniwachstum, während das Geschäft in China und in Nord- und Südamerika boomte.

Konzernchef Oetterli zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis: «2016 war ein gutes Jahr für Schindler.» Die Wachstumsstrategie des Unternehmens trage Früchte. In den letzten acht Jahren hat sich Schindler mit grossen Investitionen in Asien in eine gute Position gebracht. Wie wichtig der asiatische Markt für die Branche ist, zeigt sich daran, dass mittlerweile drei von vier neuen Anlagen dort installiert werden. 64 Prozent des Branchenumsatzes werden in dieser Region generiert. Schindler folgte diesem Trend: Stammten 2004 erst 23 Prozent der Aufträge aus Asien, waren es im vergangenen Jahr schon 65 Prozent. Der Auftragseingang des Liftbauers übertraf Ende 2016 erstmals die 10-Milliarden-Franken-Grenze.

Servicegeschäft in USA und Europa legt zu

Zunehmend wandern diese Neuinstallationen auch ins Service- und Modernisierungsportfolio des Unternehmens. Dieser Geschäftsbereich ist bei Schindler im vergangenen Jahr stark angewachsen. In Asien, aber vor allem auch in den USA und Europa. Dort ist eine hohe Zahl an Lift- und Rolltreppenanlagen ins Alter gekommen. Diese bieten für Schindler enormes Potenzial, und es zeigt sich, dass China zwar enorm wichtig für das Unternehmen ist, die anderen Märkte aber auch viel zum Erfolg von Schindler beitragen. Dank der guten Zahlen erhöht Schindler die Dividende: Die Ausschüttung pro Aktie soll um 30 Rappen auf 3 Franken angehoben werden. Aufgrund des Teilverkaufs des Anteils am IT-Händler Also stellt das Schindler-Management eine ausserordentliche Dividende von zusätzlichen 2 Franken pro Aktie in Aussicht.

 

USA: Rekordauftrag

Der US-Markt hat sich im vergangenen Jahr laut Schindler «stabil» entwickelt. «Die Wirtschaft läuft gut, das ist gut für uns», sagt Oetterli. Der Nachholbedarf in der Infrastruktur in den USA sei «sehr gross». Mit der Gesamterneuerung des Verkehrssystems der US-Grossstadt Atlanta hat Schindler einen der grössten Aufträge der Firmengeschichte an Land gezogen. Der Vertrag, der über zehn Jahre läuft, umfasst die Modernisierung und den Unterhalt von 109 Aufzügen und 116 Fahrtreppen in 38 Bahnstationen. Dass Schindler wegen Donald Trump unter Druck kommen könnte, befürchtet Konzernchef Oetterli nicht.«Mit unserer eigenen Produktion vor Ort sind wir praktisch eine US-Firma», sagt er. Nirgends hat Schindler so viele Angestellte wie in den USA: Es sind über 5000.

 

Europa: Wachstumschampion

Als «versteckten Champion» bezeichnete am Mittwoch Schindler-CEO Thomas Oetterli den europäischen Markt. Während in den letzten Jahren die Branche in Europa mit tiefen Wachstumsraten kämpfte, hat sich der Markt 2016 erholt. Alle Länder – mit Ausnahme von Russland und der TürkeiAABB22– haben gemäss Finanzchef Erich Ammann zugelegt. Das Wachstum betrug 4,4 Prozent – mehr als in Asien oder Amerika. In den nordeuropäischen Ländern wuchs Schindler am stärksten; erfreut stellte Ammann fest, dass auch in Südeuropa die Bautätigkeit und damit die Nachfrage nach Aufzügen wieder zunahm. Einen grossen Teil hat das Service- und Modernisierungsgeschäft beigetragen. Fast 50 Prozent aller Lifte in Europa sind über 20 Jahre alt. «Ein enormes Potenzial für Schindler», sagt Ammann.

 

China: Marktanteile gewonnen

China ist der grösste Markt für die Lift- und Rolltreppenbranche. In den letzten zwei Jahren ist der Liftmarkt geschrumpft, Schindler konnte aber über dem Marktdurchschnitt wachsen und hat Marktanteile gewonnen. Der Konzern hat in den letzten acht Jahren grosse Investitionen getätigt, um sich auf den chinesischen Markt auszurichten. 2016 hat das Unternehmen den Schindler Campus in der Nähe von Schanghai fertiggestellt. Auf einem Platz so gross wie 45 Fussballfelder stehen eine Aufzugsproduktion, eine Rolltreppenfabrik und ein Forschungszentrum mit einem 200-Meter-Testturm. 2000 Angestellte arbeiten auf dem Campus – es ist der grösste Standort des Schweizer Unternehmens weltweit. Für China rechnet Schindler auch für 2017 mit einem leicht schrumpfenden Markt.

 

Indien: Einbruch im Bausektor

Indien ist der zweitgrösste Markt für die Branche – im Vergleich mit China aber achtmal kleiner. Noch. Das Potenzial des Marktes ist laut Schindler-CEO Thomas Oetterli «enorm», er sieht Indien auf gleicher Höhe mit China. Schindler hat in Pune ein Forschungszentrum, eine Lift- und eine Rolltreppenfabrik gebaut. Ende 2016 ist der Bausektor stark eingebrochen. Das hat Schindler getroffen. Fast ohne Vorwarnung erklärte die Regierung alle Banknoten im Wert von mehr als 1.46 Franken für wertlos. Das soll die Schattenwirtschaft eindämmen. Da im indischen Immobilienbereich Transaktionen fast ausschliesslich bar abgewickelt werden und nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ein Bankkonto hat, brach der Immobilien­sektor komplett ein. Schindler erwartet für 2017 eine Erholung des Marktes.

 

Brasilien: Sorgenkind

Brasilien ist das einzige lateinamerika­nische Land, in dem Schindler 2016 nicht wachsen konnte. Das Land steckt nach wie vor in einer ernsten Rezession. «Wir sehen aber Anzeichen, dass das tiefste Niveau erreicht ist», sagt Oetterli. Schindler konnte seine Marktposition zwar halten. Der brasilianische Liftmarkt, mit Abstand der grösste in Südamerika, sei 2016 um 10 Prozent geschrumpft.«Unsere Umsätze sind bei Neuinstallationen ebenfalls um 10 Prozent zurückgegangen», sagt Oetterli. Schindler geht davon aus, dass 2017 die brasilianische Währung wieder etwas anziehen wird, was sich für Schindler positiv auswirken dürfte. Der lateinamerikanische Markt ist wegen tiefer Rohstoffpreise, steigender Zinsen und schwacher Währungen unter Druck. (rom)


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