Al Imfeld, der eigenwillige Gottesmann

NACHRUF ⋅ Am vergangenen Dienstag ist Al Imfeld (1935–2017) verstorben. Autorenkollege Pirmin Meier gedenkt des Luzerner Priesters, Ethnologen und Publizisten.

16. Februar 2017, 21:33

Pirmin Meier

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«Ich muss jetzt ins Spital und werde nicht mehr in meine Wohnung zurückkehren», berichtete Al Imfeld vorige Woche telefonisch seinem Bruder Werner nach Luzern.

Am Valentinstag 2017 ist der einstige Immensee-Missionar Alois Johann Imfeld, geboren am 15. Januar 1935, aufgewachsen in Etzenerle bei Ruswil, verstorben. Ein sinniger Todestag für den Mann, in dessen Zürcher Wohnung an der Konrad­strasse «bildschöne Afrikanerinnen» (alt Nationalrat Jo Lang), darunter auch Prostituierte, ein und aus gingen. Der Gastgeber, dessen Haus für alle offenstand, gehörte nicht zu deren Kundschaft, so wenig er als Alt-Priester eine landeskirchliche Pension bezog.

Der Afrika-Kenner

Mit Alois Johannes Imfeld hat die christliche und – nicht zu vergessen – auch die nicht christ­liche Schweiz den wohl eigen­willigsten und weltläufigsten Gottesmann der Gegenwart verloren. Dabei würde der für die Ewigkeit geweihte katholische Priester die Bezeichnung «Gottesmann» vermutlich zurückweisen. Wie der in der Vorwoche verstorbene evangelische Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti (1921–2017) hatte er mit dem herkömmlichen Glauben seine liebe Mühe. «Mission beendet», verkündete der sprachmächtige Autor in einem seiner spätesten Bücher. Wie der in afrikanischer Ethnologie forschende und publizierende Kurt Lussi (Ruswil) zeigte sich Al Imfeld von afrikanischen Riten und deren spirituellen und auch heilerischen Hintergründen fasziniert. Statt um Mission geht es um «gegenseitiges Lernen» (Lussi).

Imfeld war der in der Schweiz wohl beste Kenner afrikanischer Literatur. Seine Standardedition, «Afrika im Gedicht» (815 Seiten, 2015 bei Offizin in Zürich erschienen), gehört möglicherweise zu den kulturhistorisch wichtigsten Schweizer Publikationen des laufenden Jahrhunderts. Als Innerschweizer Schriftsteller erhielt Imfeld nur eine einzige nennenswerte Auszeichnung: den Publikumspreis des Innerschweizer ­Literaturfestes 1997 für das Opus «Buchstabensuppe». Notabene eine Initiative der damaligen «Neuen Luzerner Zeitung».

Al Imfeld war über Jahrzehnte Mitglied des Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellervereins (ISSV). Dies nicht nur wegen seiner zahlreichen beachtlichen Lyrikbände. Für das Innerschweizer Geistesleben wegweisend bleiben Bände wie «Wenn Fledermäuse aufschrecken, Erzählungen aus ­Afrika und aus dem Luzerner Hinterland» und «Wie die Arche Noah auf den Napf kam».

Käse und Zucker

Über den derzeit gefeierten Klaus von Flüe hatte Al Imfeld seine eigene, von der Afrika-­Erfahrung mitgeprägte Sicht. Es gelte, diesen Heiligen stärker von der damaligen alpinen Landwirtschaft und der Käseproduktion her zu sehen, mahnte er den Verfasser dieses Nachrufs beim letzten Telefonat kurz vor Neujahr. Themen wie Käse und vor allem Zucker, worüber Imfeld im Zusammenhang mit den Entwicklungsländern ein bedeutendes Buch geschrieben hat, waren für ihn nicht nur in seiner Wohnung riechbar, sondern wie alles Materiell-Elementare auch publizistisch nicht zu unterschätzen.

Eine Zeit des religiösen und geistigen Umbruchs

Geboren ist Al Imfeld in Lachen SZ, aber als ältestes von 13 Kindern des Alois und der Franziska Imfeld hauptsächlich in Etzenerle bei Ruswil aufgewachsen. Die Eltern lebten später in Herlisberg oberhalb von Beromünster und in Steinhausen ZG, wo Imfelds verstorbene Schwester, ehemalige Missionsordensfrau, gelebt hatte, verheiratet mit einem ehemaligen Missionsbruder.

Imfelds Leben, das trotz einer bereits erschienenen Biografie von Lotta Suter bei weitem noch nicht erforscht ist, bestätigt den Eindruck: Wir leben in einer Zeit des religiösen und geistigen Umbruchs, ähnlich wie in der Epoche der Reformation.

Mögen der Protestant Kurt Marti wegen seiner Sprachkunst und der Katholik Hans Küng wegen seines umfangreichen theologischen Werks in der theologischen Szene angesehener sein als der wilde Aussenseiter und lebenslange Disziplinarfall Al Imfeld, so bleibt dieser doch als Autor, Theologe, Volkskundler, Soziologe und kritischer Beobachter der Weltwirtschaft jenseits von Drittwelt-Sentimentalität wohl in nicht geringerem Ausmass eine historische Figur.

Dass er vernichtende Kritik an den herkömmlichen Konzepten der Entwicklungshilfe übte, sogar vorschlug, das Geld für Aufklärung im Inland zu verwenden, verweist auf einen allseits unbequemen, aber bestens informierten Zeitgenossen. Er war – als Priester, Autor und engagierter Publizist – mutmasslich ein Jahrhundertmensch und in seinem Profil durch niemanden zu ersetzen.

Ein Zeichen von Grösse

Die Abdankung Al Imfelds erfolgt am Montag, den 20. Februar, um 14 Uhr in Immensee SZ, was gegenüber einem oft wenig gehorsamen Aussenseiter der Schweizer katholischen Kirche ein Zeichen von Grösse darstellt. Dass Al Imfeld seinerzeit in Immensee das Gymnasium machen durfte, um «Missionär» zu werden, war für den Landbuben und Ministranten um 1950 eine grossartige Bildungschance. Er hat sie wahrgenommen. Die Geschichte der Schweizer Missionen kann ohne die Lebensgeschichte von Al Imfeld wohl nicht geschrieben werden. Darüber hinaus aber gilt, selbst wenn er kein Heiliger war: ecce homo – welch ein Mensch!


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