Er starb, als er seinem Freund helfen wollte

HOHENRAIN ⋅ Vilmar H. war ein junger Mann, der Träume hatte – und das Leben noch vor sich. 2009 wurde er auf offener Strasse brutal niedergestochen. Vieles deutet darauf hin, dass seine Familie nie erfahren wird, wer für seinen Tod verantwortlich ist.
19. März 2017, 05:00

Lena Berger

lena.berger@zentralschweizamsonntag.ch

Sie feierten, als ob es kein Morgen gäbe. Nicht wissend, dass es für einen von ihnen tatsächlich so sein wird. Der Brasilianer Vilmar H. wurde im August 2009 auf offener Strasse mit einem Messerstich ins Herz getötet. Dies, nachdem er mit Freunden am Barfestival in Hochdorf feierte. Er war gerade mal 24 Jahre alt.

Acht Jahre später fand diese Woche nun endlich der Prozess gegen die drei Männer statt, die ihn angegriffen hatten. Während vier Tagen wurde befragt, argumentiert und gestritten. Die mutmasslichen Täter und ihre Leben standen im Zentrum. Vier Kinder habe der eine inzwischen. Den Verlust seiner Familie bei einer Ausweisung befürchtet der andere. Verlobt sei der Dritte. Vilmar H. ist die Gründung einer Familie nicht mehr möglich – und doch wird sein Name im Prozess nur selten erwähnt.

Was war das für ein Leben, das da in den frühen Morgenstunden beim Dorfeingang Hohenrain abrupt endete? Viel ist über den jungen Mann nicht bekannt. Er stammte aus einer Kleinbauernfamilie aus der Region Santo Angelo im Süden Brasiliens, die bereits vor mehreren Generationen von Deutschland nach Brasilien emigriert war. Erst wenige Monate vor seinem Tod kam Vilmar H. in die Schweiz. Die Reise musste er sich selber verdienen – und er sah sie als seine grosse Chance. Wohl schweren Herzens liess er in seiner Heimat seine Freundin zurück, um hier ein Praktikum auf einem Bauernhof zu machen. Gegen Dutzende von Bewerbern hatte er sich durchgesetzt. Er wollte in dem Jahr in der Schweiz alles über die Landwirtschaft lernen – und genügend Geld verdienen, um sich in Brasilien eine Existenz aufzubauen. Sein Lohn sollte das Startkapital in ein neues Leben sein.

Nur wenige Menschen im Luzerner Seetal dürften sich noch daran erinnern, wer der Mann mit dem hoffnungsvollen Lächeln war. Seine Mitpraktikanten von damals sind längst in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Spuren von Vilmar H. sind verblasst. Die Gerichtsverhandlung aber hat eines ans Licht gebracht: dass er ein Mensch mit Courage war.

Überfall mit einem schweren Hammer

Folgendes ist aus jener Nacht bekannt. Die Gruppe von Bauernpraktikanten rund um Vilmar H. trifft gegen 23 Uhr in der Zanolla-Halle ein. Es wird gefeiert, gelacht und getrunken. Gegen 24 Uhr dreht einer der Brasilianer vor der Festhalle einige Runden auf seinem Velo. Beobachtet wird dies von einer Gruppe von balkanstämmigen Männern. Einer von ihnen kickt gegen das Velo, der Brasilianer stürzt. Es kommt zu einem Handgemenge, das vom Sicherheitsdienst aufgelöst wird. Doch kurze Zeit später treffen die Gruppen an der Strasse wieder aufeinander. Ein 18-jähriger Kosovare bekommt von einem Brasilianer ohne T-Shirt einen Faustschlag ins Gesicht. Das versetzt diesen in rasende Wut. Der Sicherheitsdienst setzt Pfefferspray ein, um die Kontrahenten zu trennen. Der 18-Jährige bekommt eine Ladung ins Gesicht. Er heult vor Wut. Er muss als Verlierer vom Platz, um sich die Augen auszuwaschen. Die Herumlungernden lachen.

Kurze Zeit später brechen die vier verbliebenen Brasilianer um Vilmar H. auf. Nicht alle haben ein Velo dabei, also gehen sie zu Fuss in Richtung Hohenrain. Als ein BMW an ihnen vorbeifährt, denken sie sich wohl nichts dabei. Doch plötzlich hält dieser an. Der Kosovare – ein muskelbepackter Mann mit Stiernacken – stürmt aus dem Auto auf sie zu. Er versucht, einen Strassenpfosten aus dem Boden zu reissen, scheitert aber. Also stürzt er sich nun mit blossen Händen auf den einen Brasilianer, von dem er glaubt, den Faustschlag bekommen zu haben. Ihm hinterher eilt ein zweiter grosser Mann mit langen Haaren. Er hat einen schweren Hammer drohend in der Hand. Und da taucht hinter den beiden auch noch ein dritter, kleinerer Mann auf.

Der Täter rammte ihm das Messer mitten ins Herz

Die Gruppe von Brasilianern wird mit Pfefferspray eingedeckt – und stiebt auseinander. Drei versuchen in Richtung Wiesland zu flüchten. Der dritte, Vilmar H., weicht in Richtung Strasse aus. Zwei der Angreifer haben nun den Brasilianer im Visier, der kein T-Shirt trägt. Der Langhaarige ringt ihn zu Boden und nimmt ihn in den Schwitzkasten. Der Muskulöse schnappt sich den Hammer von seinem Kumpel und beginnt, damit auf sein Opfer einzudreschen.

Was nun passiert, ist umstritten. Die drei Männer aus dem Balkan erzählen die Geschichte jeweils in einer anderen Version. Klar scheint nur eines: Während zwei der Brasilianer die anderen zurücklassen, versucht Vilmar H. seinem Freund zu Hilfe zu eilen. Er stirbt bei dem Versuch. Einer der drei Angreifer – welcher, das ist bis heute nicht klar – rammt ihm eine 9 Zentimeter lange Klinge ins Herz. Er schafft es noch, von der Strasse zur Wiese zu laufen. «Sie haben mich gestochen», sagt er auf Deutsch. Dann bricht er zusammen.

Es stimmt, man weiss nicht viel über Vilmar H. Nur, dass er ein Mensch war, der einem Freund in der Not zu Hilfe eilt. Mehr braucht man eigentlich nicht mehr zu wissen, um die Tragik seines Todes zu begreifen. «Nicht weniger tragisch als der Tod von Vilmar H. ist allerdings, dass der Täter noch immer kein Geständnis abgelegt hat.» Das sagte der Staatsanwalt zu Beginn seines Plädoyers diese Woche. Es stimmt. Vieles deutet heute leider darauf hin, dass die Familie von Vilmar H. nie erfahren wird, wer ihn getötet hat.

Keiner will für den Tod verantwortlich sein

Der jüngste Beschuldigte, der die Attacke initiiert hatte, behauptet, es müsse der kleine dritte Mann gewesen sein, den er kaum gekannt habe. Das Gleiche sagt sein Kumpel, der zu der Zeit die langen Haare trug. Er vermutet, dieser habe sich vom massiv grösseren Vilmar H. bedroht gefühlt und deshalb mit dem Messer herumgefuchtelt.

Der dritte Mann ist nach der Tat für sechs Jahre im Kosovo untergetaucht (siehe Box). Die Behörden in seinem Heimatland lieferten ihn nicht aus. Aber gegen die Zusicherung, dass er die Schweiz nach dem Prozess unbehelligt verlassen dürfe, nahm er freiwillig an der Gerichtsverhandlung teil. «Ich habe nur ein Ziel: ans Licht zu bringen, was geschehen ist, als ein junger Mensch sein Leben verlor.» Er habe kein Motiv gehabt, den Brasilianer anzugreifen – und er sei es auch nicht gewesen.

Nun muss das Kriminalgericht über den Fall befinden. Das Urteil ist auf den 28. März angekündigt.

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