Sie haben das Sagen in der fünften Jahreszeit

LUZERNER ZÜNFTE ⋅ Was wäre die Fasnacht ohne Zunftmeister? Unvorstellbar, genau. Wir stellen sechs «Fasnachtsgewaltige» aus der Landschaft vor.

17. Februar 2017, 07:18

René Sidler Martinivater, Hochdorf

Einen Monat hat es gedauert, bis René Sidler (50) dem letztjährigen Martinivater Daniel Rüttimann das Ja-Wort gab. Zum neuen Martinivater, versteht sich. Das Zögern lag gewiss nicht an fehlender Begeisterung für die fünfte Jahreszeit: seit 41 Jahren an (fast) jeder Hofderer Fasnacht dabei, seit 16 Jahren Mitglied der Martinizunft, 34 Jahre lang aktiv bei den Tambouren und der Guuggenmusig Rossbomele. Hier ist ganz klar ein «rüüdiger» Fasnächtler am Werk. Dennoch ist der Vater zweier Kinder (5 und 10 Jahre alt) ob der Anfrage erschrocken. Seine Frau Petra, auch sie eine Fasnächtlerin, hatte gar einige schlaflose Nächte. Weil sich die Grosspapis aber für allfällige Kinderhütedienste zur Verfügung stellten, stand dem Engagement als Martinivater dann aber nichts mehr im Weg.

Nun geht es «Met Vollgas as Hofderer Fasnachtstriibe» – ein sinniges Motto für den begeisterten Töfffahrer und Inhaber eines Motorradgeschäfts. Während der Fasnacht will es René Sidler («Eines der schönsten Fasnachtserlebnisse war der Auftritt mit den Rossbomele auf der Luzerner Rathaustreppe – bevor alles reguliert wurde») dann aber auch mal ruhig angehen, das Ganze locker nehmen. «Fasnacht soll keine stiere Sache sein. Ich will auf alle zugehen, Kontakte mit Zünftlern, Musigen und ‹normalen› Fasnächtlern pflegen. Denn eins ist klar: Fasnacht funktioniert nur zusammen.»
 


Oliver Schnieper Heinivater, Sursee

Der Heinivater ist ein Sonderfall, zumindest familienintern. Als einziges von fünf Kindern wurde Oliver Schnieper vom Fasnachtsvirus seiner Mutter infiziert. Die «Krankheit» hält bis heute an und hat auch Schniepers Frau Ursi, seinen 8-jährigen Sohn und die 4-jährige Tochter ergriffen. «Alle sind voll im Fasnachts­fieber», stellt der 50-jährige Goldschmied zufrieden fest.

Lange Zeit als Einzelmaske mit Freunden unterwegs, trat er vor 16 Jahren in die Zunft ein. «Fasnacht, Brauchtum, Tradition, diese Mischung passt mir», sagt Schnieper. An den Heinivater habe er aber nie einen Gedanken verloren. «Als die Anfrage kam, hat es mir schon die Finken ausgezogen.» Angenommen hat er das Ehrenamt dann aber schon. Ehrensache. Nun entdecke er viel Neues, denn «ich habe zuvor gar nie so genau darauf geachtet, was der Heinivater so alles macht», wie er lachend gesteht. Dabei könne er auf die tolle Unterstützung seiner Zunftkollegen zählen. «Wie hier alle mitziehen, das ist einfach fantastisch.» Mächtig ins Zeug gelegt haben sich seine Kollegen der Zunft Heini von Uri auch bei der Dekoration für den Heiniball letztes Wochenende. Dieser Stand unter dem Motto «Glöön», der Lieblingsfasnachtsfigur Schniepers. Der Anlass war für ihn ein absoluter Höhepunkt: «Es war einfach wunderschön. Ich habe heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.»
 


Meinrad Gloggner Höckeler-Zunft, Neuenkirch

Nein, völlig überraschend kam sie für Meinrad Gloggner nicht, die Wahl zum Zunftmeister, sagt der 52-Jährige mit einem Lächeln. Es sei auch nicht die erste Anfrage in seinen 13 Jahren als Zünftler gewesen. «Beim ersten Mal hat es aber einfach nicht gepasst», sagt er.

Nun passt es, und der Maurerpolier führt die Fasnacht in Neuenkirch unter dem Motto «Schaffe ade, Fasnacht olé». Das Motto erkläre sich ganz einfach, sagt Gloggner: «Wenn man bei der Zunft richtig mitmacht, dann rückt die Arbeit schon mal ein wenig in den Hintergrund ...» Kein Wunder bei bis zu 40 Terminen, die Zunftmeister Meinrad III. mit seiner Lebenspartnerin Ruth Grüter zu absolvieren hat. Sein Arbeitgeber in Ruswil habe übrigens Freude am Motto, versichert Gloggner. «Er meinte, das sei mal etwas anderes. Ausserdem hat unser Betrieb über die Fasnacht sowieso Betriebsferien.»

Besonders schätzt Meinrad «Mösu» Gloggner an seinem Amt als Zunftmeister der Höckeler-Zunft die Besuche bei befreundeten Zünften, zum Beispiel kürzlich in Hämikon. «Der Austausch, die Gespräche sind bereichernd. Unter der Fasnacht kommt man da ja kaum dazu.» Mit Vorfreude blickt er nun auf den Höckeler-Ball vom 25. Februar – und den Ruswiler Umzug. «An meinem Arbeitsort als Zunftmeister am Umzug dabei zu sein, das ist schon speziell.»
 


Stefan Eigenmann Zunftmeister Karnöffel-Zunft, Willisau

Er weiss bereits, wie der (Fasnachts-)Hase läuft: Stefan Eigenmann (55) ist in seinem zweiten und letzten Amtsjahr als Zunftmeister der Karnöffel-Zunft. Aufgewachsen in Murten, wurde ihm die Fasnacht nicht ungedingt in die Wiege gelegt. Aber dank der Liebe und des Militärs fand er schliesslich den Rank: Seine Frau Antonia, eine gebürtige Willis­auerin, ist seit jeher an der Fasnacht aktiv und langjähriges ­Mitglied der Wöschwyber. Und Eigenmanns Kollege in der Un­ter­offiziersschule war Karnöffelzünftler. Er hat ihn schliesslich vor 23 Jahren auch in die Zunft gebracht. Bereut hat es Eigenmann nie: «Wir machen eine Brauchtumsfasnacht und sind gleichzeitig offen für Neues – das macht den Reiz unserer Fasnachtszunft aus.»

Mit Tradition und Moderne spielen auch Eigenmanns Fasnachtsmottos, das 15. und das 25. Jahrhundert: «Heuer machen wir uns Gedanken, wie die Fasnacht im Jahr 2417 ausschauen wird – und hoffen für unsere Nachfolger, dass diese nicht nur noch virtuell stattfinden wird», meint Eigenmann, der beruflich Firmen über digitales Dokumenten-Management berät. Ausgespannt werden soll nach der Fasnacht beim Skifahren. («Das kam letztes Jahr etwas zu kurz.») Und nächstes Jahr wird er sich, wie schon seit über 20 Jahren, wieder mit grosser Freude dem Dasein als Enzilochmann widmen. «Das ist einfach eine tolle Truppe.»
 


Vreny Renggli Zunftmeisterin Chräje-Zunft, Entlebuch

Bei der Chräje-Zunft ist die Suche nach dem Zunftmeister Sache der Präsidentin. Und weil Katja Jenni wieder einmal eine Frau als Zunftmeisterin wollte, wurde sie bei Ratskollegin Vreny Renggli (52) vorstellig. «Ich wusste zunächst nicht mehr, wo oben und unten ist», erinnert sie sich an den Moment der Anfrage. Der Schock («ich habe nie damit gerechnet, zumal Zunftmeister nur selten aus dem Zunftrat ernannt werden») wich aber schnell der Freude, zumal sie Ehemann Fritz – mit dem sie das Pfisterhaus in einer Partnerschaft mit der Kreisel-Beck in Wolhusen leitet – zur Übernahme das Amtes ermunterte. 

Nun herrscht die angefressene Fasnächtlerin während zweier Jahre unter dem Motto «das isch doch dä Gipfu!» über das fasnächtliche Entlebucher Treiben. «Es ist eine grosse Ehre – noch dazu, weil unsere Zunft im nächsten Jahr ihr 50-Jahr-Jubiläum feiert.» Einen Höhepunkt hat die Mutter dreier erwachsener Kinder bereits erlebt: die Kindergarten-Bescherung mit all den leuchtenden Augen. Müdigkeit kennt sie an der Fasnacht kaum: «Ich treffe viele nette Menschen und verlebe lustige Stunden – wie soll ich da erschöpft sein?» Ausserdem schaue sie ja schon, dass sie drei, vier Stunden Schlaf kriege. Aber so ein Pensum könnten sich schon nicht alle vorstellen, sagt sie lachend: «Gewisse Leute sagen, ich sei eine Fasnachtsverrückte.»
 


Uwe Schubkegel Zunftmeister Roggen-Zunft, Schlierbach

Vor acht Jahren zog die Familie Schubkegel nach Schlierbach. Närrisches Treiben war Sylvia und Uwe Schubkegel (52) da allerdings schon längst bekannt. Kommen sie doch ursprünglich aus Koblenz und Köln – zwei Karnevalshochburgen. Dass auch Schlierbach eine solche Fasnachtstradition pflege, habe sie positiv überrascht, sagt Uwe Schubkegel.

Schon 2010 wurde er mit seiner Frau Mitglied der Roggen-Zunft und baute im Jahr darauf erstmals an einem Fasnachtswagen mit. «Der Wagenbau hat mich schon immer fasziniert. Aber erst hier konnte ich selber aktiv mitarbeiten.» Nun herrscht er über die Schlierbacher Fasnacht. Lange diskutieren musste er mit seiner Frau nicht. Mehr Zeit beanspruchte da schon die Mottowahl: «Wir wollten etwas, bei dem alle mitmachen können – auch ohne grossen Kostümschrank. Mit ‹Schlierbach wild & Western› ist uns das hoffentlich gelungen.» Eine Liste mit rund 30 Mottos wurde durchdiskutiert, ehe der Entscheid gefallen war. «Wir arbeiten eben beide in der IT-Branche», erklärt der Vater von zwei Söhnen (11 und 14 Jahre alt) den Entscheid mit einem Lachen. Er ist der erste Nicht-Schweizer Roggenzunftmeister – und die Reaktionen seien sehr positiv. Vielleicht auch, weil er nach der Inthronisation sogleich augenzwinkernd klarstellte: «‹Kölle Alaaf› muss in Schlierbach auch heuer keiner rufen.»

Cyril Aregger

cyril.aregger@luzernerzeitung.ch


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