Vom Trübsee in die Filmwelt

ENGELBERG ⋅ Vor 15 Jahren ist er als junger Student ausgewandert. Jetzt kommt Florian Halbedl zurück in die Heimat und produziert hier auch gleich seinen nächsten Film.
05. August 2015, 05:00

Philipp Unterschütz

Florian Halbedl ist sichtlich beeindruckt von Eugen Hess, seinem Vorfahren mütterlicherseits. «Die Engelberger haben ihn ‹Sager Geni› genannt, er war ein Pionier, hat den ersten Strom ins Tal gebracht, der Eugenisee ist nach ihm benannt, er hat das erste Hotel auf Trübsee gebaut.» Viele Informationen über seinen Ahnen hat Florian Halbedl aus einem Buch, das er in Engelberg gefunden hat. Wenn er erzählt, hört man trotz nahezu perfektem Schweizerdeutsch doch deutlich einen englischen Akzent, manchmal ringt er nach Dialektwörtern. So klingt einer, der vor 15 Jahren als Teenager mit seiner Familie nach Kanada ausgewandert ist. Aufgewachsen ist Halbedl auf Trübsee, wo seine Eltern das Hotel führten, bis die Familie im Jahr 2000 nach Kanada auswanderte. Bis zum zweiten Gymijahr besuchte er die Mittelschule im Kloster. Der Auslandschweizer ist aber nicht für zwei Wochen nach Engelberg zurückgekommen, um die Spuren seiner Vorfahren zu suchen. Florian Halbedl ist Filmproduzent und daran, sein neustes Projekt aufzugleisen. Im Oktober will er seinen Kurzfilm «Limina» in der Schweiz drehen.

Bei Kindern sind Grenzen fliessend

Man stelle sich ein kleines, romantisches Dorf in der Schweiz vor. Dort lebt Alessandro, ein achtjähriger Junge, der gerne Frauenkleider und einen Rossschwanz trägt. Ein irgendwie magischer Bub, dessen geschlechtliche Grenzen verfliessen. Alessandro nimmt mit seinem ganz eigenen Weg Anteil am Leben einer trauernden Frau, oder er verhilft einem alten Mann zum lebenslang so heiss ersehnten Liebesbrief, der nie ankommt. Der Film dreht sich um das Thema «Transgender», also um Menschen, die sich mit der Geschlechterrolle, vorgegeben durch die äusseren Geschlechtsmerkmale bei der Geburt, nur unzureichend oder gar nicht identifizieren. «Wir wollen mit ‹Limina› in erster Linie aussagen, dass man Kindern ihr Kindsein lassen soll», sagt der 30-jährige Florian Halbedl, der sich selber als 21-Jähriger als bisexuell geoutet hat.

Seit fünf Jahren ist er mit seinem Partner Joshua M. Ferguson, der sich selbst als Transgender bezeichnet, verheiratet. Gemeinsam betreiben sie die Produktionsfirma «Turbid Lake Pictures» (bedeutet so viel wie «Trübsee-Filme»). «Als ich klein war, spielte ich oft mit meiner Puppe, die hiess Petra. Meine Eltern hatten damit kein Problem. Aber es gibt viele, die sagen, Buben sollten sich nicht mit Puppen abgeben.» Wenn aber Kinder mit Dingen spielten, die vielleicht nicht vordergründig zum Geschlecht passten, heisse das noch lange nicht, dass sie transsexuell oder transgender seien oder einmal sein würden. «Es ist einfach Teil der Magie und der Abenteuer von Kindern, welche die Welt noch ganz anders sehen. Die Geschlechtsgrenzen können bei Kindern noch fliessend sein, man soll sie entdecken lassen.»

Die Normen der Gesellschaft

Das Thema Mobbing war der Hintergrund ihres ersten eigenen Kurzfilms «Whispers of Life», mit dem Florian und Joshua letztes Jahr an 21 Filmfestivals weltweit präsent waren und für den sie etliche Auszeichnungen erhielten. Darin ging es um einen jungen Mann, der, obwohl er nie direkt als homo- oder transsexuell bezeichnet wird, wegen seiner «anderen Art» in seinem kleinen Dorf stark unter Druck gerät und fast in den Selbstmord getrieben wird. Die Themenwahl der beiden ersten Kurzfilme hängt natürlich mit den Lebensumständen von Florian Halbedl und seinem Ehemann zusammen. «Mein Ehepartner ist biologisch ein Mann, aber er will keine Geschlechtsumwandlung. Er formuliert es so: ‹Männlich und weiblich sind soziale Geschlechter.› Er ist zwar biologisch ein Mann, passt aber nicht in das soziale Geschlecht, was ein Mann oder eine Frau in den Augen der Gesellschaft sein soll. Das spielt in unserem Leben als Ehepaar natürlich eine grosse Rolle.»

Jugendzeit als Inspiration

Obwohl das Thema «Transgender» momentan sehr aktuell ist, steht es in der Schweiz doch weniger im Fokus als beispielsweise in Amerika oder in Grossbritannien. Den neuen Kurzfilm «Limina» mit einem Budget zwischen 50 000 und 100 000 Franken wollte Florian Halbedl aber unbedingt in der Schweiz drehen, obwohl es in Kanada bedeutend billiger käme. Schnitt und Produktion des Films erfolgen dann aber in Vancouver. «Ich will meine Leidenschaft für meine Heimat und meine Leidenschaft für den Film verbinden.» Das kleine Schweizer Dorf, Drehort wird wohl Lavertezzo im Tessin sein, steht dabei nur stellvertretend für irgendein kleines magisches Örtchen. «Da ist durchaus auch eine Inspiration von Engelberg und wie ich aufgewachsen bin. Den Buben in ‹Limina› kennen alle im Dorf, und wir waren auch immer die ‹Kinder vom Trübsee›, man hat uns in Engelberg gekannt.»

Er selber sei in seiner Schulzeit in Engelberg aber nie unter Druck gewesen, erzählt Florian Halbedl. Das sei erst später in seiner Highschool-Zeit in Kanada aufgetreten. Bis er 21 war, habe er nur mit Frauen abgemacht. «Ich habe das Ganze damals noch gar nicht richtig realisiert.» Er habe schon früh gewusst, dass er sich generell zu Leuten hingezogen fühlte. Es ging immer mehr um die Person als um das soziale oder biologische Geschlecht. Aber er erinnere sich, wie er als Schüler in der Zeitung einen Artikel las, wo sich ein Engelberger als Schwuler outete und worüber dann im Dorf rege diskutiert worden sei. «Das war das erste Mal, dass ich das wahrnahm. Ich hatte zwar schon im Kindergarten eine Freundin. Aber ich kannte auch einen Jungen, dem ich sagte, wenn du eine Frau wärst, wäre ich in dich verliebt.» Das merke man natürlich erst später, wenn man darüber nachdenke. «Da realisierte ich, dass es auch andere Leute gibt und dass das ‹Okay› ist.»

Unterstützung von Dominique Gisin

Die zwei Wochen, die Florian und Joshua nun in Engelberg verbracht haben, nutzten sie für Recherchen im Tessin und um die Finanzierung des Projekts zu sichern. Bereits zugesagt hat die Tessiner Filmkommission, die das Projekt finanziell und auch tatkräftig unterstützt. «Und vielleicht hilft uns das auch als Türöffner zum renommierten Filmfestival Locarno.» Vorstellig geworden sind sie auch bei der Kulturkommission Obwalden, die grosses Interesse signalisiert habe und versuche, auch die Nidwaldner Kulturkommission ins Boot zu holen.

Zudem läuft eine Sammelaktion im Internet. Diese wird auch – wie schon beim ersten Film – von Ski-Olympiasiegerin Dominique Gisin unterstützt. Ab dem vierten Schuljahr seien sie Klassenkameraden gewesen, und noch heute hätten sie Kontakt. «Wir haben bei unserem Treffen festgestellt, wie sehr wir eigentlich verbunden sind.» Was Dominique alles leisten musste nach ihren Unfällen, um wieder die Spitze zu erreichen, und wie viele Leute ihr abgeraten hätten. Das sei ähnlich wie in der Kunst. «Die Leute sagen mir oft, du träumst, mach doch besser etwas aus deinem Medizinstudium.»

Engelberg ist seine Heimat

Zum Film kam Florian Halbedl in der Zeit, als er in Ontario an der Uni Medizin und Biologie studierte. «Ich machte einen Kurzfilm über Eulenkot», lacht er. Jedenfalls habe er da gemerkt, dass Film ihm viel mehr bedeute. «Da kam auch die Erinnerung, wie wir als Kinder mit den Hotelgästen auf Trübsee im Schnee Filmszenen nachgespielt haben, oder die für mich so eindrucksvollen Familienausflüge nach Luzern ins Kino.» Deshalb änderte er seine Hauptstudienfächer in medizinische Wissenschaft und Kunst, die er beide erfolgreich abschloss.

Mit der eigenen Produktionsfirma stehen Florian und Joshua erst am Anfang ihrer Karriere. Sein Brot verdient Florian als Regieassistent. Als solcher war er schon an namhaften Hollywood-Produktionen beteiligt wie «Godzilla», «Percy Jackson» oder kürzlich an der Fernsehserie «Fear the walking dead», einer neuen Nebenserie des Originals.

Wenn er heute in Engelberg ist, merkt er, dass sich ausser vielen neuen Ferienhäusern gar nicht so viel verändert habe. «Vor allem ist es schön, wenn ich Leute treffe, die immer noch hier sind. Wenn sie sich an mich erinnern, schliesslich sahen sie mich als kleinen Jungen zum letzten Mal. Engelberg ist halt irgendwie immer meine Heimat geblieben.»

HINWEIS
Weitere Infos unter www.turbidlakepictures.com


Anzeige: