In Archiven Geschichten entdecken

ALTDORF ⋅ Der Schweizer Archivtag hat dieses Jahr im Kanton Uri stattgefunden. Dabei wurde auch eine tollkühne Idee bezüglich Gotthard vorgetragen.
12. Juni 2017, 08:31

Paul Gwerder

redaktion@urnerzeitung.ch

Am Schweizer Archivtag, der alle fünf Jahre jeweils am 9. Juni stattfindet, wurden die Gäste im Staatsarchiv Uri am vergangenen Freitag von der Kapelle Echo vom Gätterli aus Gersau musikalisch begrüsst. Es war kein Zufall, dass gerade diese Formation dort aufspielte, denn am Eröffnungskonzert spielte sie Ländlermusik ihres Vorbildes, des Komponisten Kasimir Geisser, der einige Zeit in Schattdorf gelebt hatte.

Besonders gut in die Gegend passte die Polka «Gruss vom Spannort». Ein wichtiger Teil des musikalischen Nachlasses des Klarinettisten und Komponisten befindet sich heute im Urner Staatsarchiv in Altdorf.

Aufbewahrung der Daten für spätere Generationen

Eine Aufgabe für die Archivare war bisher, dass die Erhaltung und Lesbarkeit der Dokumente durch gute Lagerung gewährleistet werden kann. «Heute ist das Wort Digitalisierung in aller Munde», sagte der Leiter des Staats­archivs, Hans Jörg Kuhn, und fügte an: «Dies ist für uns eine riesige Herausforderung, denn hier liegen die Daten der Behörden und der kantonalen Verwaltung.» Aber nicht nur Dokumente werden digitalisiert, sondern etwa auch die Notenblätter von «Kasi» Geisser oder die Kunst- und Kultursammlung des Kantons.

Als nächster Höhepunkt wird das Urner Stammbuch auf dem Internet abrufbar sein. «Dies war eine riesige Herausforderung, denn insgesamt mussten 34 Bände bearbeitet werden, und so können interessierte Leute bald im Internet (www.staur.ch) nach ihren Vorfahren forschen, dies geht dann ziemlich einfach», ist Hans Jörg Kuhn überzeugt. «Im nächsten Jahr beginnen wir mit dem Aufbau des automatisierten digitalen Langzeitarchivs, das in Zukunft die ganzen Prozesse sehr vereinfachen wird.»

Rolf Gisler betreut im Urner Staatsarchiv seit 1990 eine grosse Filmsammlung, dazu gehören 756 Titel und etwa 800 DVDs. «Der grösste Teil unserer Filme hier sind Schenkungen von Privatpersonen. Meine Aufgabe ist es, die Daten auf das neuste Format umzuwandeln, damit diese nicht verlorengehen, denn das Problem sind nicht die Filmspulen, sondern die Abspielgeräte, die es fast nicht mehr gibt», erklärte der Fachmann. Den ersten Film gab es im Jahr 1895, und ab dem Jahr 1921 kamen die ersten laufenden Bilder dazu. Das älteste Dokument, ein Film über die Urner Landsgemeinde im Jahre 1921, zeigte Gisler dem fachkundigen Publikum. Weiter kamen die Besucher in den Genuss von Filmen des legendären Klausen-Rennens, des Starts eines bemannten Heissluftballons auf dem Areal des Schächenwaldes, des Traums des Fliegens und auch der letzten Tramfahrt 1951.

Landammann Beat Jörg erklärte, dass die Speicherkapazität im menschlichen Hirn beschränkt ist: «Deshalb mussten Mittel und Wege gefunden werden, damit dieses Wissen und die Erfahrung für die Nachwelt nicht verlorengehen.» Das Archiv im Kanton Uri sei Gold wert und sei ein steingewordenes Gedächtnis. «Sie sollten das Staatsarchiv einmal für sich entdecken, denn auf der Suche nach Unterlagen werden Sie hier fündig und von den Mitarbeitern stets gut beraten», riet der Landammann den Gästen.

Ingenieure mit waghalsigen Ideen

Der Zürcher Historiker Andreas Teuscher hielt einen Vortrag unter dem Titel «Die Schweiz am Meer». Kaum war der Gotthard-Eisenbahntunnel 1882 in Betrieb genommen, geisterten einigen Ingenieuren waghalsige Pläne durch den Kopf. Sie beschäftigten sich mit der Idee, eine Wasserstrasse von der Nordsee zum Mittelmeer zu bauen.

Oskar Stalder, ein Waffenkonstrukteur aus Basel, schrieb im Jahre 1940: «Würde die Gotthardbahn heute erbaut, würde man mit dem Tunnel nicht mehr so hoch hinaufgehen. Schon oft tauchte deshalb die Idee auf, einen neuen Gottharddurchstich zu wagen, der für die Bahn rationeller wäre, weniger Kraft beanspruchte und grössere Reisegeschwindigkeiten zuliesse. Könnte diese Frage nicht auch mit einer Wasserstrasse zusammen beantwortet werden? Es sollte doch heute möglich sein, Tunnel mit viel grösserem Profil bauen zu können, sodass ein Kanal nebst Strasse oder Bahn Raum hätte.»

Andreas Teuscher erklärte hierzu abschliessend: «Leider konnten diese Ideen nie verwirklicht werden, und heute wäre es noch viel schwieriger, im dichtbesiedelten Gebiet einen Kanal von Basel bis hierher zu bauen.»


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