Fussball: Schweizer Cup
8-Tore-Wahnsinn: Wohlen schlägt Kreuzlingen im Elfmeterschiessen und zieht in die nächste Runde im Schweizer Cup ein

Der FC Wohlen sieht in der Erstrundenpartie im Schweizer Cup gegen den FC Kreuzlingen mehrmals schon wie der sichere Sieger aus. Am Ende einer irren Partie entscheidet jedoch erst das Elfmeterschiessen zu Gunsten der Freiämter.

Benjamin Netz
Drucken
Die Ruhe vor dem Sturm. Schon eine Stunde vor Anpfiff machten es sich einige Fans auf der Tribüne gemütlich.

Die Ruhe vor dem Sturm. Schon eine Stunde vor Anpfiff machten es sich einige Fans auf der Tribüne gemütlich.

Benjamin Netz1

Es war wahrlich kein Spiel für schwache Nerven. Der FC Wohlen spielte gut, aber nicht über 90 respektive 120 Minuten konstant genug, womit er sich das Leben selbst schwer machte. Am Ende gewinnen die Freiämter trotz Ungenauigkeiten und schwachem Defensivverhalten dennoch, indem die Jungen in die Bresche springen und das Weiterkommen im Cup im Elfmeterschiessen sichern.

Die Gastgeber gingen früh in Front. Kevin Alves Quintas sorgte bereits in der zweiten Spielminute für den viel umjubelten Führungstreffer für den FC Wohlen. Ein Treffer mit Initialzündung. Das Team von Trainer Ryszard Komornicki übernahm die Spielkontrolle. Quintas hatte gar die Möglichkeit, früh auf 2:0 zu erhöhen, sein Kopfball landete jedoch über dem Kreuzlinger Gehäuse.

Kreuzlinger Treffer aus dem Nichts

Wer sie vorne nicht macht, wird hinten bestraft. Eine alte Fussballweisheit, die auch in der Neuzeit noch ihre Gültigkeit hat. Und so kam Kreuzlingen nach einer guten Viertelstunde zum 1:1.

Die noch junge Wohler Mannschaft brachte dieser Treffer sichtlich aus dem Konzept. In der Offensive lief plötzlich gar nichts mehr. Gleichzeitig liess man auch defensiv immer mehr zu und den Kreuzlingern zu viel Raum, um sich zurück ins Spiel zu arbeiten. Der Halbzeitpfiff kam den Gastgebern schliesslich gelegener, als den Bodensee-Kickern, die mit fortlaufender Spielzeit zu immer besseren Torraumszenen gekommen waren.

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf

Ryszard Komornicki schien in der Halbzeitpause die richtigen Worte gefunden zu haben. Mit viel Offensivdrang kamen die Wohler aus der Kabine. Plötzlich war nichts mehr zu sehen von den unsicheren 20 Minuten vor der Pause. Nur fünf Minuten nach Wiederanpfiff gelang ihnen dann auch folgerichtig der erneute Führungstreffer.

Allerdings auf ziemlich kuriose Weise. Denn eigentlich hatte das Schiedsrichtergespann bei einem Wohler Angriff eine Abseitsposition gesehen. Diese Entscheidung nahm das Gespann jedoch wieder zurück. Stattdessen gab es Schiedsrichterball. Bei diesem schnappte sich Leotrim Nitaj den Ball und schlug eine Flanke, die von Alessandro Vogt per Volley zum 2:1 verwertet wurde.

Sieben Zeigerumdrehungen später die nächste strittige Szene. Wohlens Nathan Tayey wurde im Kreuzlinger Strafraum zu Fall gebracht. Zum fälligen Penalty trat der Gefoulte gleich selbst an und netzte zum 3:1 ein.

Kreuzlinger Comebacks

Die Partie schien nun gelaufen. Kaum jemand im Stadion Niedermatten glaubte an ein erneutes Aufbäumen der Gäste. Diese hatten jedoch andere Pläne für die restlichen 30 zu spielenden Minuten.

Nur drei Minuten dauerte die Wohler Herrlichkeit. Dann kam Kreuzlingen, wieder aus dem Nichts, in Person von Adrian Skender Rama-Bitterfeld zum Anschlusstreffer. Und sogleich wiederholte sich das Schauspiel aus Hälfte eins.

Kreuzlingen, mit der zweiten Luft ausgestattet, drängte die nervösen Wohler weiter in die eigene Hälfte. In der 72. Minute wurde das laxe Auftreten der Wohler Defensive erneut bestraft. Abbas Karaki traf zum 3:3.

Wieder hatte sich der FCW die berühmte Butter vom Brot nehmen lassen. Man hatte einen sicheren 2-Tore-Vorsprung innert kürzester Zeit leichtfertig hergeschenkt und drohte die Partie gar gänzlich aus der Hand zu geben.

Erst in den Schlussminuten der regulären Spielzeit gelang es den Freiämtern wieder nennenswerte Offensivakzente zu setzen. Der Uhrzeiger hatte erst die 90-Minuten-Marke erreicht, da gelangte der Ball über mehrere Umwege zu Alessandro Vogt. Der Angreifer tankte sich im Strafraum durch mehrere Gegenspieler, tunnelte FCK-Goalie Fabian Fellmann und liess das Stadion Niedermatten explodieren.

Auch die Gäste durften sich über Fanunterstützung freuen.

Auch die Gäste durften sich über Fanunterstützung freuen.

Benjamin Netz

Wer jedoch glaubte, dass die Angelegenheit damit geregelt sei, hatte die Rechnung ohne die Kreuzlinger gemacht. In der vierten Minute der Nachspielzeit wurde dem FCK ein Freistoss aus aussichtsreicher Position zugesprochen. Zwei Kreuzlinger postierten sich zwischen Ball und Tor, einer der beiden legte für den anderen, namentlich Abbas Karaki, ab. Dieser schloss sofort aus der Drehung ab, erwischte FCW-Goalie Sytnykov auf dem falschen Fuss und traf zum 4:4. Gleich darauf folgte der Schlusspfiff. Verlängerung.

Die Geschichte der 30 Zusatzminuten ist schnell erzählt. Das Spiel plätscherte ereignislos vor sich hin. Beide Mannschaften schienen sich ins Elfmeterschiessen retten zu wollen. Einzig nennenswert: auf Wohler Seite wechselte man kurz vor Schluss Ersatztorhüter Maksym Parshykov ein. Offenbar, um den Gegner für die anstehende Lotterie vom Punkt aus dem Konzept zu bringen.

Die Jugend übernimmt Verantwortung

Wie beschreibt man ein Elfmeterschiessen? Am Besten möglichst einfach: Wohlen trifft, Kreuzlingen trifft. Wohlen trifft erneut, Kreuzlingen trifft nur die Latte. Vorteil für die Gastgeber. Dieser bleibt bis zum letzten Schützen bestehen. Kerem Kursun hat den Sieg und den Einzug in die nächste Runde auf dem Fuss. Der gebürtige Murianer läuft an, trifft und verschwindet unter einer Traube von Mitspielern, Fans und Kindern.

Wohlen entschied das Elfmeterschiessen für sich.

Wohlen entschied das Elfmeterschiessen für sich.

Benjamin Netz

Wohlen ist am Ende einer aufreibenden Partie also der glückliche Sieger und hofft nun auf das grosse Los: einen Super Ligisten als Gast in der Niedermatten.

Zunächst aber ruft der Alltag. Am nächsten Samstag treten die Wohler in der Meisterschaft auswärts beim Aufsteiger FC Rotkreuz an.

Das sagt Wohlens VR-Mitglied Mike von Wyl

"Jetzt wünsche ich mir den FC Basel!". Wohlens Verwaltungsrats-Mitglied Mike von Wyl will sich nach Abpfiff gar nicht lange mit Analysen aufhalten. "Wir haben eine junge Mannschaft. Logisch müssen wir noch einige Regler verstellen. Aber gerade die Jungen haben heute Verantwortung übernommen. Am Ende ist es vielleicht glücklich zu Stande gekommen. Weiter ist weiter.", so von Wyl.

Das ist der Spieler des Spiels

Der gerade erst 17 Jahre alte Alessandro Vogt fiel nicht nur dank seiner beiden Treffer auf. Das Wohler Eigengewächs ackerte, kämpfte und riss viele Lücken für seine Mitspieler auf. Und das über 110 Minuten als einsame Sturmspitze.

Das war das Highlight der Partie

Jugend forscht beim FC Wohlen. Am Ende der 120 Minuten standen gleich acht Akteure auf dem Feld, die das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Der FCW setzt auf seinen Nachwuchs. Auch, wenn das bedeutet Rückschläge hinnehmen zu müssen. Heute zahlte sich das Konzept aus. Im Elfmeterschiessen übernahmen die Jungspunde Kozlenko, Romano und Kursun sowie Parshykov im Tor in den entscheidenden Momenten Verantwortung und lösten ihre Aufgaben souverän.

Matchtelegramm

FC Wohlen - FC Kreuzlingen 9:7 n. E. (4:4, 1:1)
Stadion Niedermatten. - Zuschauer: 250 - Schiedsrichter: Monnin. - Tore: 01. Alves, 17. Rama-Bitterfeld, 50. Vogt, 57. Tayey, 60. Rama-Bitterfeld, 72. Karaki, 90. Vogt, 90.+4 Karaki

FC Wohlen: Sytnykov (120. Parshykov); Golaj, Pnishi, Kozlenko, Nitaj; Kursun, Tayey (65. Oussadit), Aliu (65. Romano), Sadik (65. Seferi), Alves (78. Ivanov); Vogt (110. Chabin). - Kreuzlingen: Fellmann; Ismaili, Armbruster (63. Ferrone), Schröder (78. Jonuzi), Affentranger; Hoxha, Karaki, Rama-Bitterfeld (77. Miljic); Al-Naemi (110. Azizi), Arifagic, Bode. - Bemerkungen: Wohlen ohne Gabathuler, Chatar (Beide Aufbautraining) Sulejmanagic, Urtic (Beide Abwesend). Kreuzlingen ohne Karampoikis, Laidouci, Seger, Meresi. - Verwarnungen: 44. Nitaj, 56. Armbruster, 90.+3 Karaki, 90.+3 Fellmann, 90+3 Ismaili, 90.+3 Ferone, 90.+4 Ivanov, 120. Azizi.