Schweizer Olympiachef
«Wir können den Entscheid gegen Fanny Smith nicht nachvollziehen»

Ralph Stöckli, Chef de Mission des Schweizer Olympiateams, zieht Bilanz zu den Winterspielen in China.

Rainer Sommerhalder
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Ralph Stöckli ist stolz auf die Schweizer Leistungen in China.

Ralph Stöckli ist stolz auf die Schweizer Leistungen in China.

Salvatore Di Nolfi / KEYSTONE

Wie sieht die Schweizer Olympiabilanz in aller Kürze aus?

Ralph Stöckli: Wir durften viele Glücksmomente erleben. Das Ganze hat mit einem Feuerwerk – dem Abfahrtsgold von Beat Feuz – begonnen. Man wünscht sich dann gleichermassen, dass man auch mit einem Feuerwerk aufhören kann. Dies ist uns nicht gelungen. Ich denke an Curling und den Teamevent der Alpinen. Das soll aber die Leistungen nicht schmälern. Ich bin auch persönlich stolz auf unser Team.

Die Alpinen waren herausragend!

Die Wichtigkeit dieser Sportart für erfolgreiche Winterspiele liegt auf der Hand. Das ist im historischen Vergleich nichts Neues. 1988 in Calgary gingen beispielsweise 11 von 15 Medaillen auf das Konto der Alpinen. Für eine Einordnung sind aber auch die Rangpunkte aus den 34 Diplomrängen in allen Disziplinen wichtig. In dieser Hinsicht waren es die erfolgreichsten Schweizer Winterspiele der Geschichte. Das stimmt mich sehr zuversichtlich. Dem Schweizer Wintersport geht es sehr, sehr gut.

Gab es auch Enttäuschungen?

Leider sahen wir auch acht vierte Plätze. Spitzensport ist und bleibt brutal. Wir haben in einigen Fällen mitgelitten. Etwa mit dem Aerials-Team, das gleich zwei vierte Plätze zu beklagen hatte. Gerade für eine kleine Sportart wären olympische Erfolge doppelt so viel wert. Enttäuschungen mussten wir insbesondere auch bei Snowboard-Alpin, aber auch im Slopestyle der Männer erleben. Sie haben dem Druck nicht standgehalten.

Die grösste Enttäuschung erlebte Skicrosserin Fanny Smith mit ihrer Disqualifikation?

Das ist uns allen ans Herz gegangen. Ein wirklich harter Entscheid der Jury, den wir bis heute nicht wirklich nachvollziehen können. Swiss-Ski hat bei der Rekurskommission der FIS einen offiziellen Rekurs gegen diesen Entscheid platziert. Die Antwort ist noch hängig. Gefreut hat mich die Antwort der Skicross-Männer auf diesen Vorfall. Die Antwort auf dem Wettkampffeld bleibt die schönste Reaktion auf so etwas.

Wie ordnen Sie diese im Vorfeld umstrittenen Winterspiele grundsätzlich ein?

Man hat vor allem von Seiten der Athletinnen und Athleten die Dankbarkeit gespürt, dass diese Spiele überhaupt stattfinden konnten. Da müssen und wollen wir den Chinesinnen und Chinesen, den Tausenden von Helferinnen und Helfern, ein Kränzchen winden. Sie haben alles dafür getan, dass wir uns einerseits wohl fühlen konnten und andererseits für optimale Bedingungen aus sportlicher Sicht gesorgt.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf für den Schweizer Wintersport?

Wir müssen schauen, dass wir in einigen Sportarten den Anschluss an die Weltspitze nicht verlieren. Ich denke explizit an den Eiskanal. Bob ist eine Disziplin mit grosser Tradition in der Schweiz. Auch Eishockey ist eine wichtige Sportart. Wir wissen, was Erfolge im Eishockey in der Schweiz auslösen können. Gedanken machen müssen wir uns auch dazu machen, wie die Förderung im Eisschnelllauf und Eiskunstlauf in Zukunft aussehen soll.

Mit Blick auf diese klinischen Spiele: Wäre es nicht die Gelegenheit, Olympische Winterspiele «made in Switzerland» anzustreben?

Es ist bekannt, dass Swiss Olympic genau dieser Meinung ist. Wir wollen aber auch das Schweizer Volk ernst nehmen. Es hat sich gezeigt, dass die Bevölkerung nicht hinter Winterspielen stehen, so wie sie derzeit organisiert sind. Wir müssen also zuerst klären, unter welchen Bedingungen die Bevölkerung tatsächlich dahinterstehen kann. Hilfreich wird sein, dass die nächsten Spiele 2026 in Mailand und Cortina endlich wieder einmal in der Alpenregion und mit einem sehr dezentralen Konzept stattfinden. Das wird auch für die Schweiz ein wichtiger Gradmesser sein, um sich weiterführende Gedanken zu machen. Wir wünschen uns auch, dass das IOC die Chance nutzt, um den Gigantismus in den Griff zu bekommen.

Wie steht Swiss Olympic zur Einführung eines Mindestalters bei Olympischen Spielen?

Wir müssen dazu noch eine Haltung entwickeln. Ich persönlich finde diese Diskussion aber ganz, ganz wichtig. Das IOC muss darauf eine Antwort finden.

In Peking wie in Tokio trugen die Frauen massgeblich zum Erfolg bei. Mehr als eine Momentaufnahme?

Wir können sagen, dass wir in der Schweiz den Männer- und Frauensport genau gleich fördern. Das Setting für die Frauen ist in der Schweizer sehr, sehr gut. Gerade in Sommersportarten ist dies längst nicht in allen Ländern der Fall. Persönlich denke ich, dass sich im Wintersport das Bild wieder ausnivellieren wird.