Kommentar
Stell dir vor, die Mannschaft scheidet aus, und keinen interessiert’s: Deutschlands leiser Abschied von seiner Nationalelf

Das Interesse des Publikums an der DFB-Auswahl hat einen Tiefpunkt erreicht, die postnationale Gesellschaft könnte zur Post-Fussball-Gesellschaft werden. Doch was verbände die Deutschen dann noch?

Hansjörg Friedrich Müller, Berlin
Hansjörg Friedrich Müller, Berlin
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Die Einsamkeit des Nationalspielers beim WM-Aus: Matthias Ginter nach dem Sieg gegen Costa Rica, der seiner Mannschaft nichts mehr nützte.

Die Einsamkeit des Nationalspielers beim WM-Aus: Matthias Ginter nach dem Sieg gegen Costa Rica, der seiner Mannschaft nichts mehr nützte.

Keystone

Nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft am Donnerstagabend schlug die Stunde der Analytiker. Hätte Spanien in der Nachspielzeit gegen Japan den Ausgleich gemacht, sähe alles anders aus, doch nun dominiert das Pathos des Abgesangs, so als hätte es gar nicht anders kommen können: «Böses Ende einer grossen Fussballnation», schreibt die «Frankfurter Allgemeine», während «Der Spiegel» die Bundesrepublik bereits als «Fussballzwerg» sieht. Es herrscht die Lust am Untergang.

Wer den Sport zum Spiegelbild der Gesellschaft überhöhen will, orakelt derweil über ein Land, das Haltung an die Stelle von Leistung setze und sich nicht nur beim Fussball von allen Ambitionen verabschiede, sondern auch in der Autoindustrie, an den Universitäten und bei der Eisenbahn.

WM-Fieber war nie zu spüren

Die unmittelbare Reaktion des deutschen Trainers schien die These vom Land der Schluffis und Minderleister zu stützen: Er freue sich auf die Europameisterschaft 2024, sagte Hansi Flick nach dem letztlich wertlosen 4:2-Sieg über Costa Rica. Wer meint, Versagen ziehe in Deutschland keine Konsequenzen mehr nach sich, durfte sich bestätigt fühlen.

Versagen ohne Konsequenzen? Der deutsche Trainer Hansi Flick am Donnerstag nach dem Spiel gegen Costa Rica in Al-Khor.

Versagen ohne Konsequenzen? Der deutsche Trainer Hansi Flick am Donnerstag nach dem Spiel gegen Costa Rica in Al-Khor.

Matthias Schrader / AP

Die meisten Deutschen scheinen es allerdings gelassener zu nehmen als die professionellen Deuter. Wohl nie seit Einführung des Farbfernsehens interessierte ein Turnier die Leute weniger. Zwar haben sich die Einschaltquoten im Vergleich zur Auftaktniederlage gegen Japan erholt, doch Fussballfieber war zu keinem Zeitpunkt zu spüren.

Entsprechend gleichmütig dürften viele das Ausscheiden ihrer Mannschaft zur Kenntnis genommen haben. Die Unlust hatte mehrere Gründe: Natürlich spielte das ungeliebte Ausrichterland Katar eine Rolle. Auch die kalte Jahreszeit, die öffentliches Fussballschauen unmöglich machte, war sicher alles andere als ein Euphorie-Booster.

Und doch steckt wohl mehr hinter dem deutschen Missvergnügen: Von einer Entfremdung zwischen dem Volk und seinem Nationalteam ist spätestens seit der letzten WM vor vier Jahren die Rede. Auch damals endete das Turnier für die deutsche Auswahl nach der Vorrunde.

Verlieren die Deutschen das Interesse am Fussball? Vielleicht nicht, was den Ligabetrieb angeht, doch dass die DFB-Elf nie wieder den Stellenwert haben wird, den sie einst genoss, erscheint durchaus möglich. So würde die postnationale Gesellschaft auch zur Post-Fussball-Gesellschaft.

Der Sport füllte eine Lücke

Unter ihren Nachbarn wäre die Bundesrepublik damit so etwas wie der Erwachsene im Raum: Während sich Niederländer, Spanier oder Italiener weiterhin in kindlicher Weise am Gekicke ihrer Teams erfreuten, könnten sich die Deutschen voll und ganz ernsten Dingen wie dem Klimawandel oder der Menschenrechtslage im Nahen Osten zuwenden.

Aber würde ihnen nicht doch etwas fehlen? Im Geschichtsbild der Nachkriegsdeutschen, das notwendigerweise ein gebrochenes war, füllte der Fussball auch eine Lücke aus: Der WM-Sieg 1954 in Bern zählt zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik; 1974 schien das moderne Deutschland Willy Brandts zu gewinnen; der Triumph von 1990 ging der Wiedervereinigung voraus. Dass sich der Sieg von 2014 nicht mehr mit einer Bedeutung aufladen liess, die über den Sport hinausging, muss rückblickend womöglich als schlechtes Zeichen betrachtet werden.

Fussballerische Erfolge waren lange Zeit die positiven Erzählungen der Bundesrepublik – neben dem Wirtschaftswunder, der D-Mark und der politischen Stabilität. Von all dem ist nicht mehr viel übrig. Was bliebe den Deutschen ohne Fussball, was hielte sie noch zusammen?