Kolumne
Als Schüler noch Uriella fragten

Ausgehend von der berühmten Sektenführerin vergleicht Kolumnist Romano Cuonz in seinem «Ich meinti» die Jugend von damals und heute.

Romano Cuonz
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Romano Cuonz.

Romano Cuonz.

Wie ich kürzlich vom Tod der Sektengründerin Uriella hörte, wurden in mir Erinnerungen wach. Es war vor genau zwanzig Jahren: Damals publizierte ich – zusammen mit Lungerer Schülerinnen und Schülern – alle drei Jahre ein Schüler-Journal. Um das Verfassen von Briefen oder das Gestalten von Interviews zu erlernen, kontaktierten die Jugendlichen Promis aus allen Bereichen. Erstaunlicherweise antworteten die meisten von ihnen: Bundesräte und Bundesrätinnen, Schlagerstars, Schwingerkönige und, und, und. Selbst Roger Federer sandte uns Antworten zu, sogar in Handschrift. Doch eines Tages bestanden einige meiner Schüler darauf, Uriella um Rat zu fragen. Von der Hellseherin wollten sie unbedingt wissen, was sie tun könnten, um den von ihr vorhergesagten Untergang ihrer geliebten, heilen Lungerer Welt nochmals abzuwenden.

Wie sollte ich als Erwachsener auf so gut gemeinten jugendlichen Übereifer reagieren? In meinen Augen war ja die in allen Medien zelebrierte Uriella eine Scharlatanin. Ihre haargenau datierte Ansage des Weltuntergangs hielt ich für baren Unsinn. Und trotzdem liess ich die Jugendlichen gewähren. Ich sagte mir nämlich, dass sie – wenn sie sich um unsere einmalige Welt Sorgen machten – grundsätzlich Recht hatten. Die Antwort aus dem Schwarzwald kam übrigens postwendend. Uriella schrieb: «Aus Gnade hat uns Gott einen Aufschub gewährt, damit wir uns ihm gegenüber bewähren, ihm für die wunderschöne Natur in einem ewigen Lobpreis danken und so eventuell eine Metamorphose erleben dürfen.» Ob sich die Teenies von damals diese Weisheit zu Herzen nahmen? Inzwischen sind sie längst erwachsen. Haben eigene Kinder. Kinder, die Fragen stellen und sich vielleicht bald schon selber Sorgen um unsere Welt machen.

Jedoch: Heutige Jugendliche sind damaligen um Längen voraus. Gut vernetzt sind sie. Und bestens orientiert. Ganz bestimmt würden sie sich nicht mehr damit begnügen, im Klassenzimmer zu sitzen und schön brav von Hand Artikel für ein Schüler-Journal zu schreiben. Sie schwänzen die Schule. Begeben sich streikend auf die Strasse und diskutieren im Netz. Hellseherinnen brauchen sie nicht mehr. Den Untergang unseres Planeten prophezeien sie jetzt gleich selber. Jedenfalls, wenn wir nimmersatten Erwachsenen nicht endlich Vernunft annehmen. Auf Transparenten steht es deutsch und deutlich: «Wir haben keinen Plan(eten) B. Ihr zerstört unsere Zukunft. Was bringt uns euer Geld?» Ja, die heutige Jugend weiss viel zu gut Bescheid, als dass wir Erwachsenen es uns noch leisten könnten, ihren Protest so mir nichts dir nichts abzutun.

Ich habe jedenfalls die grösste Hochachtung für die neue Klima-Jugend. Wenn wir bedenken, wie wichtig und richtig ihr Einsatz ist – für eine Welt, in der es sich auch in «ihrer» Zukunft noch leben lässt – sollten wir Erwachsenen ihnen am besten gleich unsere beiden Ohren schenken. Indessen: Bürgerliche Politiker, die heute das Sagen haben, reagieren meist nur mit einem milden Lächeln. Im besten Fall dient ihnen ein halbherziges Anhören der Jungen als Wahlpropaganda. Absolut nicht verstehen kann ich Schulen, die, wie sie sagen, «Klimareligion» autoritär bekämpfen. Jene Lehrer, die den Jungen mit einschneidenden Sanktionen drohen. Oder sie gar mit schlechten Noten bestrafen.

Weitaus gefährlichere Aktionen nimmt man heute viel gelassener. Im zürcherischen Elgg zum Beispiel verbreiteten kürzlich zahlreiche Sekundarschüler via Whatsapp-Chat nationalsozialistische, ja arg rassistische Botschaften und radikale IS-Propaganda. Mindestens für die dortige Schulleitung aber war die Nachbereitung dieses «Chat-Vorfalls» nach einem abschliessenden Gespräch mit allen beteiligten Schülern abgetan. Oder nehmen wir die regelmässig randalierenden Fussballfans. Eine kurze, heftige mediale Empörung, und schon werden sie von verständnisvollen «Fanbetreuern» wieder mit Samthandschuhen angefasst.

Da verbünde ich mich wirklich lieber mit der Klimajugend. Und sage: «Yysi vercheert Wäld hed mee as äis Pfläschterli neetig: hit und nid erscht moorä!»

Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.