Engelberg
Wie sich Corona auf die Titlisbahnen ausgewirkt hat

Alessandro Masetti hat mit seiner Maturaarbeit ermittelt, inwieweit die lokalen Bergbahnen von der Coronapandemie tangiert wurden. Und weshalb sie nicht daran denken, ihre Unternehmensstrategie anzupassen.

Kristina Gysi
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Anhand seiner Maturaarbeit käme man nicht darauf, dass Alessandro Masetti dereinst Medizin studieren möchte. Vielmehr würde man auf Wirtschaft oder Tourismus tippen. Zu Deutsch lautet der Titel seiner finalen Arbeit für die Stiftsschule in Engelberg so: «Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf eine Schweizer Tourismusdestination». Geschrieben hat Masetti die Arbeit in Englisch – ein Muss, wenn man diese in der Vertiefungsrichtung Wirtschaft abgeben möchte.

Alessandro Masetti setzte sich im Rahmen seiner Maturaarbeit mit den Auswirkungen der Coronapandemie auf die Sportbahnen in Engelberg auseinander.

Alessandro Masetti setzte sich im Rahmen seiner Maturaarbeit mit den Auswirkungen der Coronapandemie auf die Sportbahnen in Engelberg auseinander.

Bild: Kristina Gysi (Engelberg, 1. April 2022)

Die Idee für seine Arbeit hatte der 18-Jährige bereits lange bevor er diese der Studienleitung vorschlagen musste. «Zuerst wollte ich etwas über den coronabedingten Einfluss auf die gesamtheitliche Wirtschaft machen, aber ich merkte schnell, dass das ein zu vielschichtiges Gebiet ist», so Masetti. Ein Unternehmen musste her. Und da sich der Engelberger für den Tourismus interessiert, am besten eines, das stark von diesem abhängig ist. «So kam ich schliesslich auf die Bergbahnen in Engelberg.»

Sportbahnen Engelberg verzeichnen massive Einbussen

Die Zahlen in Masettis Arbeit sprechen eine ernüchternde Sprache. Anhand der Geschäftsberichte der Jahre 2019/2020 und 2020/2021 eruierte der Kantischüler bei den Engelberger Sportbahnen einen Verlust von 19,6 Millionen Franken im vorletzten Jahr, verglichen mit dem Ergebnis des Geschäftsjahrs 2018/2019. Ein weiteres Minus von 7,3 Millionen Franken verzeichnete die Halbjahresbilanz 2020/2021 gegenüber dem Vorjahr.

Um diese Einbussen zu verstehen, setzte sich Masetti vertieft mit der Unternehmensstrategie der Bergbahnen Engelberg auseinander. Zudem verschaffte er sich mit Hilfe der Geschäftsberichte und zwei Interviews weitere wichtige Informationen, um seine Forschungsfrage zu beantworten. Diese lautet: «Welchen Einfluss hat die Covid-19-Pandemie auf den Schweizer Tourismus, untersucht am praktischen Beispiel der Titlis Bergbahnen AG?» Hierfür analysierte Masetti auch den Geschäftsbericht des schweizerischen Tourismusverbands, um die Daten aus Engelberg mit denen der Gesamtbranche vergleichen zu können.

Maturand wird künftig nachsichtiger sein

Mühe, an die gewünschten Informationen zu kommen, hatte der Maturand keine: «Meine beiden Interviewpartner, Geschäftsführer der Bergbahnen Engelberg Norbert Patt und Andres Lietha, Direktor von Engelberg Tourismus, waren beide sehr offen und freundlich.» Besonders eindrücklich war für Masetti, welche komplexen und schwerwiegenden Beschlüsse in einem Unternehmen verabschiedet werden müssen, das sich in einer wirtschaftlich schwierigen Lage befindet. «Gerade was das Personal angeht, sind das wirklich schwierige Entscheide», sagt er. «Leute zu entlassen, wirft immer viel Kritik auf. Nun ist mir bewusst geworden, wie schwer es ist, so etwas zu managen.» Weiter sind dem Maturanden durch seine Arbeit die finanziellen Dimensionen eines solchen Unternehmens klar geworden. «Man überlegt sich vielleicht nicht immer, um wie viel Geld es tatsächlich geht», sagt er.

Viel Geld war es denn auch, das infolge der Coronapandemie verloren ging. Dies prüfte Masetti in verschiedenen Finanzsektoren des Unternehmens, wie etwa der Gastronomie oder im Bereich der Investitionen. «Dieser tiefe Einblick hat mir geholfen, Unternehmen im Allgemeinen besser zu verstehen», so Masetti. Er werde künftig wohl nachsichtiger sein, wenn Entscheide gefällt werden, die für Laien oftmals nicht nachvollziehbar sind.

Unternehmensstrategie wird nicht angepasst

Seine Forschungsfrage kann Masetti am Ende der Recherche klar beantworten. «Die Bergbahnen Engelberg waren von der Pandemie stark betroffen», schlussfolgert er. Dies sei allem voran auf die strategische Ausrichtung des Unternehmens zurückzuführen, das stark auf Gruppen und internationale Gäste setzt. Beiderlei waren während langer Episoden der vergangenen zwei Jahre kaum im Klosterdorf zugange.

Seine Strategie ändern wird das Unternehmen aufgrund dieser finanziellen Einbussen jedoch nicht, wie Masetti zusätzlich herausfinden konnte. «Auf Gruppenreisen zu verzichten und nur noch auf Schweizer Tourismus zu setzen, ist unvorstellbar», wird Geschäftsführer Norbert Patt zitiert. So wäre es niemals möglich, diese beiden Zielgruppen nur durch Individualgäste aus der Schweiz zu kompensieren.

Mitnehmen kann Masetti einiges von der Erarbeitung seiner Maturaarbeit. So auch, wie wichtig es ist, verschiedene Sichtweisen in eine Recherche miteinzubeziehen: «Man darf nicht nur nach dem suchen, was man hören will und sich dann bestätigt fühlen», sagt er. «Sich die andere Seite anzuschauen, ist genauso wichtig.»