HERGISWIL: Er schwimmt in flüssigem Beton umher

Sein Arbeitsplatz liegt bis zu 120 Meter unter der Wasseroberfläche. Doch auch bei 4 Grad Wassertemperatur kommt Berufstaucher Franz Hattan ins Schwitzen.

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Trüber Arbeitsplatz: Franz Hattan durchtrennt einen Stahlträger mit der Sauerstoffbrennlanze. (Bild: PD)

Trüber Arbeitsplatz: Franz Hattan durchtrennt einen Stahlträger mit der Sauerstoffbrennlanze. (Bild: PD)

Stockdunkle Klärbrühen, Kühlbecken mit kontaminiertem Wasser, flüssiger Beton, Röhren, die gerade so breit sind, dass ein Mensch darin Platz hat, Temperaturen zwischen eisigen 4 Grad und heissen 40 Grad: Das sind wohl nicht gerade Arbeitsbedingungen, die man als angenehm bezeichnen könnte. Doch für Franz Hattan ist das Alltag. Er ist Taucher von Beruf – und bezeichnet sich als Handwerker unter der Wasseroberfläche. Behörden, Gemeinden, Wasserkraftwerke, Private, aber auch Atomkraftwerke: Die Liste der Kunden ist lang.

Ebenso vielfältig ist sein Einsatzgebiet. Egal ob es darum geht, einen Schieber in der Kläranlage zu reparieren, eine Schweissarbeit im Kühlbecken eines Atomkraftwerks vorzunehmen, bei einem Wasserkraftwerk Turbinen von Sand zu befreien, damit diese wieder die volle Leistung erbringen, im Bootshafen Buochs unter Wasser zu pfählen: Das Team von Franz Hattan kanns. «Es gibt praktisch nichts, was wir nicht machen», bringt er es auf den Punkt. Sämtliche handwerklichen Arbeiten werden im Wasser ausgeführt, wie schweissen, bohren oder fräsen. «Eine abgeschlossene handwerkliche Ausbildung ist als Berufstaucher Bedingung.»

Wie auf einer Baustelle ohne Licht

Wobei Arbeiten im nassen Element, bei grosser Tiefe und schlechter Sicht entsprechend anspruchsvoller sind. «Das ist, wie wenn man auf einer Baustelle das Licht abschaltet und im Dunkeln weiterarbeiten muss», veranschaulicht Hattan. Vor dem Tauchgang muss man sich darum mittels Karten und Plänen über die Örtlichkeiten in der Tiefe schlaumachen. Erschwerend dazu kommen die körperlichen Strapazen. «Sich unter Wasser zu bewegen, ist anstrengend, man hat keinen richtigen Halt, und das Gewicht, das einen am Auftauchen hindert, ist eine zusätzliche Hürde.»

Je tiefer getaucht wird, desto mehr machen die physikalischen Gegebenheiten zu schaffen, Stichwort Taucherkrankheit. «Taucht man zum Beispiel zu schnell auf, wirds gefährlich», erklärt Franz Hattan. Jeder Auftrag sei anspruchsvoll und verlange eine gründliche Vorbereitung, denn die Sicherheit stehe bei ihm an oberster Stelle. Rund einen Drittel der Arbeitszeit verwendet er denn auch für die Planung und Vorbereitung eines Tauchgangs. Alleingänge gibt es dabei nicht. Während er abtaucht, überwacht ein sogenannter Signalmann an der Oberfläche die Arbeiten, bleibt mit dem Taucher in Sprechverbindung. Rund 20 000 Franken teuer ist seine Ausrüstung mit Kommunikation, externer Luftversorgung und Kamera.

Schweisstreibende Arbeit

Angst sollte man nicht haben, Respekt schon. Zu Unfällen sei es bisher noch nie gekommen – zu brenzligen Situationen hingegen schon. Ein Gerüst fiel während eines Arbeitsgangs ins Wasser und unterbrach die Luftversorgung, oder die Strömung war dreimal so stark wie errechnet, erzählt Hattan. So richtig unangenehm wurde es, als einmal der Anzug leckte – bei 4 Grad Wassertemperatur. «Einerseits sorgt man sich um die Körpertemperatur, andererseits darf man keinesfalls zu schnell auftauchen», so Franz Hattan.

Ekel oder Platzangst kenne er nicht. «Enge, dunkle Röhren oder übel riechende Kloaken machen mir nichts aus, zumal man im Anzug auch nichts riecht. Von den Gerüchen bekommt nur der Mann oben etwas mit», lacht er. Die Welt unter Wasser ist eine Welt für sich. Egal, ob es oben kalt, warm, Sommer oder Winter ist, davon spüre er in 100 Metern Tiefe bei 4 Grad kaltem Wasser nichts. Abkühlen könne man sich höchstens, wenn man zum Vergnügen tauche. «Beim Arbeiten im Tauchanzug kommt man rasch ins Schwitzen.»

Vom Hobby zum Beruf

Zur Berufstaucherei kam der gebürtige Aargauer Anfang der 1990er-Jahre als Sporttaucher. «Ich stellte fest, dass es in dieser Branche ein Manko an Fachkräften gibt.» Gesagt, getan. 1994 zog er nach Hergiswil und machte sich selbstständig. «Das nasse Element, das erschwert jeden Job um das Zweifache. Einen Nagel unter Wasser einzuschlagen, ist um ein Vielfaches anspruchsvoller. Das bedingt sauberes, sicheres und seriöses Arbeiten», erklärt er seine Faszination für die Berufstaucherei.

Mittlerweile sei er bis weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Den guten Ruf erklärt er sich mit seinem hohen Qualitätsbewusstsein – was seinen Preis hat. Rund 2500 Franken kostet ein Tag für einen durchschnittlichen Auftrag. Das würde viele Kunden abschrecken. «Wir haben relativ wenig Aufträge im Gegensatz zu günstigeren Mitbewerbern.» Nicht selten komme es aber vor, dass er gerufen werde, um misslungene Arbeiten von anderen Firmen nachzubessern.

Er kritisiert, dass in der Schweiz alles geregelt ist, nur das Tauchen nicht. «Dafür braucht es in diesem Land keine Zulassung. Viele Berufstaucher verfügen nicht über das nötige Wissen. Das kann gefährlich sein. Viele Taucher haben schon in jungen Jahren gesundheitliche Probleme, weil sie technische Fehler begingen.»

Schulung künftig im Vordergrund

Die Zeiten, als man sich mit dem Tauchen eine goldene Nase verdiente, seien vorbei. Davon leben könne man schon. «Aber man strengt sich sehr fürs Geld an und geht ein gewisses Risiko ein», gibt er zu bedenken. Die verschiedenen Aufträge unter Wasser beschäftigen ihn zu rund 80 Prozent. Nebenbei bildet er auch noch Hobby- und Berufstaucher aus und betreibt an der Seestrasse 29 einen Laden mit Tauchzubehör. Künftig will der 62-Jährige altersbedingt die Berufstaucherei an den Nagel hängen und sich hauptsächlich der Schulung widmen. Ein neues Projekt sei am Entstehen – mehr wolle er aber noch nicht verraten.

Hinweis

In unserer Sommerserie «Kalte Berufe – heisse Berufe» stellen wir in loser Folge Berufsleute und ihren hitzigen oder kühlen Arbeitsort vor. Abonnenten finden die Beiträge auch unter www.obwaldnerzeitung.ch/serien. Bereits erschienen: Metzger (10. 7.), Tunnelbauer (16. 7.), Strassenbauer (26. 7.), Museumsbetreuer (30. 7.), Maschinist SGV (4. 8.).

Franz Hattan mit Ausrüstung auf seinem Tauchboot. (Bild: Corinne Glanz.mann / Neue NZ)

Franz Hattan mit Ausrüstung auf seinem Tauchboot. (Bild: Corinne Glanz.mann / Neue NZ)