Kolumne
«Ich meinti»: Träume, Wunder und Prioritätensetzung

Wenn «Ich meinti»-Kolumnistin Ruth Koch mal einen Albtraum hat, dann schafft sie es darin nicht, sich rechtzeitig auf den Besuch ihrer Freunde vorzubereiten. Das erinnert sie an den Umgang der Politik mit der Klimaerwärmung.

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Was nachts abgeht, ist oft unfassbar. Wildtiere bedrohen die Familie. Der Vater tut alles in seiner Macht Stehende, um seine Familie zu beschützen, packt den Löwen an der Mähne. Anderswo verfolgen dunkle Mächte Männer und Frauen. Sie jagen sie durch Strassen und Wälder. Die Flucht gestaltet sich zunehmend schwierig, Hindernis um Hindernis ist zu überwinden. Oder das Schlafzimmer ist plötzlich voller Mäuse. Sie huschen über das Kissen, die Bettdecke, den Boden. Keine Chancen, sie zu vertreiben.

Ich träume selten. Noch seltener sind es angsteinflössende Träume. Wenn sich im Schlaf aber doch eine lästige Geschichte abspielt, geht das so: Wir erwarten Freunde zum Essen. Die Vorbereitungen im Haus sollten beginnen. Aber irgendwie will es nicht klappen. Der Boden ist schmutzig und es bräuchte dringend den Wisch mit dem Putzlappen. Aber ich will zuerst einen Spaziergang machen. Salat und Gemüse sollten aus dem Garten geholt werden, doch ich widme mich unverständlicherweise nur dem Unkraut.

Ruth Koch aus Kerns.

Ruth Koch aus Kerns.

Bild: PD

Wenn der Zeitpunkt fürs Kochen kommt, will ich lieber noch ein Zimmer frisch streichen. Kurz vor dem Eintreffen der Freunde ist weder aufgeräumt, noch gekocht oder der Tisch gedeckt. Nichts ist, wie es sein sollte. Dies, obwohl ich genau wüsste, was zu tun wäre.

Immer gibt es einen Grund, die offensichtlichen Prioritäten falsch zu setzen. Mein Traum ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Kampf gegen den Löwen, mit der Flucht vor dunklen Mächten oder der Attacke einer Schar Mäuse. Trotzdem fühle ich mich in meinem Traum furchtbar!

Was träumen wohl all die Entscheidungsträger und Lobbyisten aus aller Welt, wenn es um Klimaziele geht? Im Klima-Albtraum fegen Unwetter über die Länder hinweg, die Meere steigen, Dürrekatastrophen verursachen Hungersnöte.

Deshalb sollten dringend die Prioritäten anders gesetzt und verbindlich Massnahmen zum Ausstieg aus den fossilen Energien beschlossen werden. Stattdessen vernebeln Politik, Wirtschaft sowie Private die Krise mit Worten wie Freiheit, Eigenverantwortung, Wohlstandswahrung oder freie Marktwirtschaft.

Übrigens: Wie mein Einladungstraum jeweils ausgeht, weiss ich nicht, weil ich immer vor dem alles entscheidenden Moment aufwache. Vielleicht endet er wie folgt: Unsere Freunde klopfen an die Haustür, ich nehme wie Aschenbrödel im Märchen eine Haselnuss zur Hand und spreche leise einen Wunsch aus. Begleitet von sanften Harfenklängen deckt sich wie von Zauberhand der Tisch, auf dem Herd dampft es aus den Pfannen, die Kerzen verströmen Gemütlichkeit.

Könnte der Klima-Albtraum ein gutes Ende nehmen? Ein schwerer Korb Haselnüsse kippt vom Tisch, ein grosses Harfenorchester spielt sich lautstark durch die Akkorde. Der mächtige Märchenzauber funktioniert! Die Politik beschliesst griffige Massnahmen und Gesetze. Die Menschen kommen zur Besinnung. Alle freuen sich über autofreie Strassen, ändern ihr Konsumverhalten und verpuffen keine Klimagase mehr. Ich meinti: welch herrliches Erwachen!

Ruth Koch, Kerns