In Kerns wird Spielen zur Sprache


Das Thema Integration ist in aller Munde. Aber wie funktioniert erfolgreiches Integrieren? Beim Projekt Mimuki ist man davon überzeugt, dass man zumindest nicht früh genug damit beginnen kann. Wir haben einen der Standorte besucht.

Anja Glover
Drucken
 «Integration durch Sport – bereits im Vorschulalter»: Spezielle Turnstunde in der Dossenhalle Kerns. (Bilder: Corinne Glanzmann (30. Oktober 2018)

«Integration durch Sport – bereits im Vorschulalter»: Spezielle Turnstunde in der Dossenhalle Kerns. (Bilder: Corinne Glanzmann (30. Oktober 2018)

Zahlreiche Geräte stehen in der Halle, bunte Tücher fliegen durch die Luft, kleine Füsse in farbigen rutschfesten Socken rennen umher: In der Dossenhalle in Kerns sind dienstags jeweils die ganz Kleinen an der Reihe. Im Vorschulturnen wird gesungen, getanzt, balanciert, gerannt. Alles, was das Kinderherz begehrt.

Inmitten der Kleinkinder rennt auch der Kaleab (4) umher. Er tut, was alle anderen machen und amüsiert sich dabei prächtig. Er springt von dem hohen Schwedenkasten auf eine dicke Matte. Unten angekommen, richtet er sich auf und rennt zum nächsten Posten. Seine Mutter Letina Gebretensae rennt ihm lachend hinterher. «Es macht ihm Spass und mir macht es auch Spass. Eine Stunde ist einfach ein bisschen kurz», erklärt die 28-Jährige in gebrochenem Deutsch. Die dreifache Mutter kam vor sieben Jahren in die Schweiz und lebt nun in Kerns. Sie profitiert von einem Angebot, das es für ihre älteren beiden Kinder noch nicht gab: Integration im Frühschulalter.

Projekt hilft auch, Vorurteile abzubauen

Das Projekt des Breitensportverbandes Sport Union Schweiz namens Mimuki hat es sich zum Ziel gemacht, das bisherige Vorschulturnen zur Integration zu nutzen. «Dieses Aufeinandertreffen ermöglicht nicht nur das Kennenlernen verschiedener Kulturen, sondern auch das Abbauen von Vorurteilen und Kontaktängsten», erklärt Projektleiter Elias Vogel. Es sei nicht so, dass Kinder mit Beeinträchtigungen oder aus anderen Kulturen bisher nicht im Vorschulturnen willkommen waren, doch wüssten deren Eltern oftmals nicht von dem Angebot. «Darin sehen wir unsere Aufgabe. Unsere Flyer werden auf vierzehn Sprachen übersetzt und an den richtigen Stellen platziert.» Die Kinder können durch die Teilnahme ihren Bewegungsdrang ausleben und nebst Basiskompetenzen zur Schulfähigkeit auch ihre Sozialkompetenzen fördern. «Nicht nur das Kind, auch dessen Eltern werden dadurch in die Gemeinde und das Vereinsleben integriert.»

 Kaleab (ganz vorne) geniesst den Turnspass mit seinen «Gspäneli».

Kaleab (ganz vorne) geniesst den Turnspass mit seinen «Gspäneli».

Das Projekt Mimuki wird aktuell an 6 Projektstandorten in der Zentralschweiz umgesetzt, davon drei im Kanton Luzern, zwei in Nidwalden und einer in Obwalden. «Bis Ende Jahr möchten wir weitere Standorte dazuzählen können.» Obwohl die Vereine bei einer Umsetzung nur einen sehr geringen Mehraufwand betreiben müssen, sind viele zurückhaltend. «Viele fürchten sich vor dem Aufwand oder vor der Herausforderung, mit Anderssprachigen zu kommunizieren.» Ursula Durrer-Signer, Leiterin des Mukiturnens in Kerns, sieht das anders. Die 36-Jährige hat Elias Vogel selber kontaktiert. «Ich hatte davon gelesen und fand die Idee sehr gut. Zudem ist es für mich auch spannend, Menschen aus anderen Kulturen kennen zu lernen.» Sie weiss, dass es nicht einfach ist, sich zu integrieren. Sie unterrichtet heute zwar in Kerns, ursprünglich ist sie aber aus dem Appenzell. Jeder, der schon umgezogen ist, wisse, dass Integration mit Anstrengung und Mut verknüpft ist, erklärt sie. «Es braucht natürlich Eigeninitiative. Aber vor allem auch das Angebot. Oder wie oft fragt man schon eine fremde Person auf der Strasse, ob sie Lust hätte, einen Kaffee trinken zu gehen?» Im Vorschulturnen schliesse man sehr schnell Kontakte und treffe sich dann auch ausserhalb der wöchentlichen Turnstunde.»

Kinder jung kennen zu lernen, hilft Kindern

Auch Teilnehmerin Yolanda Hostettler ist vom Projekt überzeugt: «Ich finde das sehr gut. Kinder anderer Kulturen oder etwa mit Beeinträchtigungen bereits in diesem jungen Alter kennen zu lernen, kann unseren Kindern nur weiterhelfen», so Hostettler, die mit ihrem Enkel anwesend ist. Die 68-Jährige hat Letina Gebretensae gerade etwas erklärt, das die Eritreerin nicht auf Anhieb verstehen konnte. Die beiden Buben turnten währenddessen vergnügt weiter, die Sprache «Spielen» verstehen beide.
Noch ist Letina Gebretensae die einzige Teilnehmerin, die in Kerns von Mimuki profitiert. Ab und zu steht sie etwas alleine im Raum, muss nachfragen oder schaut, wie es andere machen. «Wir sind immer auch mitverantwortlich für das Gelingen von Integration», erklärt Hostettler, die dies erkannt hat und immer mal wieder auf Gebretensae zugeht.

Weitere Infos finden Sie hier