Klara Spichtig tritt als Leiterin des Historischen Museums Obwalden zurück

Seit bald 17 Jahren erweckt Spichtig mit ihrem Fachwissen regionales Kulturgut zum Leben. Nun übergibt sie ihren Posten auf Anfang 2021.

Romano Cuonz
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Klara Spichtigs ganzer Stolz: Ein Faksimile des berühmten «Weissen Buches von Sarnen»

Klara Spichtigs ganzer Stolz: Ein Faksimile des berühmten «Weissen Buches von Sarnen»

Bild: Romano Cuonz
(Sarnen, 31. Juli 2020)

Wir treffen die Giswilerin Klara Spichtig-Abächerli vor einer noch ziemlich neuen Vitrine im alten Zeughaus. Beinahe andächtig zeigt die langjährige Leiterin und Konservatorin des Historischen Museums Obwalden auf ein weit offenes Buch. Drei aus Holz geschnitzte Eidgenossen, welche die Schwurfinger erheben, bewachen es: Das berühmte «Weisse Buch von Sarnen», die Chronik mit der ältesten Überlieferung der Tellsgeschichte, auf die sich 1804 Friedrich Schiller stützte, als er das Freiheitsdrama schrieb.

Klara Spichtig ist stolz, dass sie dieses wohl wertvollste Obwaldner Kulturgut seit kurzem auch im Museum zeigen darf. «Dafür haben wir uns während Jahre eingesetzt», sagt sie und fügt sogleich bei: «Das Original wird zwar noch immer gut gesichert im Hexenturm aufbewahrt, doch dieses Faksimile ist davon kaum zu unterscheiden.» Wenn Klara Spichtig Leute durchs Museum führt, kann sie zu Allem und Jedem Geschichten erzählen, alte Zeiten aufleben lassen. Schon im Eingangsbereich: Dort hängt das sogenannte «Heinzli-Sühnekreuz». Ein Totschläger musste es 1486 am Tatort aufstellen, um sich mit der Opferfamilie zu einigen. Oder das Prunkstück: Ein grosses Juliusbanner, das Papst Julius der II 1512 Obwaldner Söldnern, die ihm in Pavia beim Feldzug gegen die Franzosen halfen, geschenkt hatte.

Sie vergrösserte das Team und lockte Besucher an

Klara Spichtig wurde 2004 vom Historischen Verein Obwalden als Leiterin und Konservatorin das Museums Obwalden eingestellt. Nun tritt sie nach 16 Jahren zurück. «In Teilzeit angestellt war sie verantwortlich dafür, dass regionales Kulturgut gesammelt, fachgerecht gesichert und mit Sonderausstellungen, Führungen und Anlässen einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurde», beschreibt Präsident Victor Bieri ihre Aufgabe. Klara Spichtig hatte vorerst Volkskunde studiert.

Bevor sie die Leitung des Museums übernahm, war sie schon als Vorstandsmitglied der Museumskommission tätig. Im altehrwürdigen Haus hat sich unter ihr vieles bewegt. «Schon bald konnte ich ein Team um mich scharen», sagt Klara Spichtig. Mittlerweile wird sie von der Museumspädagogin Silvia Burch und noch drei weiteren Leuten unterstützt. Auch wenn das Budget eher bescheiden blieb, gelang es Klara Spichtig von Jahr zu Jahr mehr Besucher – vor allem aus der Region – anzulocken.

Entscheidend war, dass sie aus dem Kanonen- und Waffenkeller im Parterre einen Raum für stets neue Sonderausstellungen schaffen konnte. Zusammen mit freiwilligen Helfern und Zivildienstleistenden präsentierte sie dort seither Themen, die aufhorchen liessen. Die Sagenausstellung «Geisterspuk – Liebeszauber – Wunderglaube» etwa, oder die Sicht auf Schicksale und Erfolge von Obwaldner Auswanderer, um nur zwei zu nennen. Selbst prominente Gäste fanden sich ein: So statteten etwa alt Bundesrat Christoph Blocher oder der Benediktiner Abtprimas Notker Wolf dem Museum einen Besuch ab. Auch dafür, dass Kinder sich betätigen konnten, war man besorgt: Heute dürfen sie in ein Alphorn blasen oder in einem Ausgrabungskasten selber forschen.

Dieb mit schlechtem Gewissen

Lustiges habe sie auch erlebt, sagt Klara Spichtig. Eines Tages sei bei ihr ein eingeschriebener Brief mit einer Golddukate und einem Silbermedaillon eingetroffen. Wertstücke, die ein ehemaliger Kollegischüler in den 1960er-Jahren bei einer Führung in seine Hosentasche habe verschwinden lassen. Nach all den Jahren bereute er es. Nach einem Gespräch mit seinem Beichtvater habe er sich dazu entschlossen, den Schatz zurückzugeben. «Nun befinden sich die Münzen wieder in der Sammlung», schmunzelt Klara Spichtig.

Apropos Sammlungen: Seit das Hochwasser 2005 viele Güter beschädigt hatte, mussten diese in immer neuen Depots untergebracht werden. Niemand weiss besser als Klara Spichtig, wie vieles dabei aufgeschoben oder nur oberflächlich erledigt werden konnte. In den nächsten zwei Jahren möchte sie ihre grosse Erfahrung und ihr fundiertes Fachwissen gezielt für die Sammlung einsetzen und die begonnene Inventarisierung abschliessen. Selber sagt sie: «Ich werde den Zustand vieler Objekte kontrollieren, nötige Massnahmen ergreifen und auch Neues entgegennehmen und registrieren.» Präsident Victor Bieri bestätigt: «Die Museumskommission hat dem zugestimmt und die Ausschreibung der neuen Leitung in die Wege geleitet, damit sie die Stelle auf Anfang 2021 wieder besetzen kann.»

Gefragt, was sie denn ihrer Nachfolge am meisten wünsche oder ans Herz legen möchte, meint Klara Spichtig: «Am nötigsten ist die Sanierung des alten Zeughauses samt seinen sanitären Anlagen, wie sie vor dem Hochwasser schon einmal angedacht gewesen war. In den oberen Stockwerken sind klimatische Schwankungen so gross, dass wertvolles Ausstellungsgut Schaden nehmen könnte.» Rund ums Haus gebe es auch genügend Platz für einen Zusatzbau und einen Lift, welcher das Haus für Behinderte zugänglich machen würde.