Kolumne
«Ich meinti»: Dein Freund (und Helfer?)

«Ich meinti»-Kolumnist Romano Cuonz hat Verständnis, dass die Polizei bei Coronakundgebungen nicht stärker durchgreift. Und dennoch hat er Bedenken an diesem Vorgehen.

Romano Cuonz
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Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Bild: Obwaldner Zeitung

Unser Enkel war noch klein, als er zum ersten Mal mit der Polizei in Kontakt kam. Mit seinem Grossmami in der Stadt unterwegs, beobachtete er mit grossen Augen zwei Polizisten. Diese hatten eben einen Autofahrer, der auf der Quartierstrasse zu schnell unterwegs gewesen war, angehalten. Wie dann die beiden uniformierten und mit Dienstwaffen ausgestatteten Männer bemerkten, dass der Kleine sich erschrocken hinter seiner Grossmutter versteckte, traten sie auf ihn zu. Fragten freundlich, wie er heisse. Nannten gar ihre eigenen Vornamen und erklärten kindgerecht, was ihre Aufgabe sei. Dieses Erlebnis war für unseren Enkel prägend. Als Spielzeuge wünschte er sich fortan vor allem Polizeiautos mit Blaulicht und Sirene. Sein Korps aus Playmobil-Polizisten durfte sich sehen lassen! Und bei seinen Spielen waren die Polizisten stets die Guten. Immer jene, die andere Figuren beschützten.

Dieses Geschichtchen ist so etwas wie eine Parabel. Dafür, wie Menschen, die sich nichts zu Schulden kommen lassen, in der Schweiz – namentlich in ländlichen Gegenden wie Ob- und Nidwalden – die Polizei wahrnehmen: als «Freund und Helfer»! Vor brutaler Polizeigewalt, wie man sie am Bildschirm aus den USA, aus Russland und anderen totalitären Staaten vor Augen geführt bekommt, fürchtet sich hierzulande niemand. Bei uns werden Polizisten sorgsam rekrutiert, bestens ausgebildet und auf ihre oft schwierige Aufgabe gut vorbereitet. Bis vor kurzem konnte man sich getrost darauf verlassen, dass unsere Polizistinnen und Polizisten, wo immer ihr Einsatz notwendig wurde, das Geschehen im Griff hatten.

Für Otto Normalbürger ist es höchst beruhigend, einen solchen «Freund» an seiner Seite zu wissen. Nur: «Der Helfer» scheint momentan mancherorts selber ziemlich hilflos zu sein. Dies angesichts eines politisch undefinierbaren Mobs, der neuerdings durch Dörfer und Städte zieht. Der unsere Nationalhymne grölt, und dabei selbst den lieben Gott für unheilige Verschwörungstheorien bemüht. Vor allem ländliche Polizeikorps, die meist nicht über genügend Leute und Antidemonstrationsmaterial verfügen, lassen die Coronaskeptiker oft gewähren. Schauen mehr oder weniger tatenlos zu, wie die Meute ohne Bewilligung, Masken oder Abstand die Szene beherrscht. In Wohlen oder Rapperswil ernteten mahnende Polizisten Spott und Hohn. In Aarau kassierten sie brutale Schläge. Und in Altdorf bestiegen Chaoten sogar das Tell-Denkmal! Nur in Bern bewies die Polizei kürzlich wieder einmal, wie sie noch immer Herr der Lage und damit «Freund und Helfer» aller Vernünftigen sein kann. Allerdings mussten dazu grosses Geschütz aufgefahren und 170 Wegweisungen ausgesprochen werden.

Einige Politiker und Polizeiverantwortliche verteidigen Passivität, indem sie auf die Verhältnismässigkeit von Massnahmen angesichts der Demonstrationsfreiheit hinweisen. Nur keine Eskalation zulassen! Die Masse ist ja unberechenbar und teilweise gewaltbereit. Bei einem harten Eingreifen würden sich Polizistinnen und Polizisten selbst in Gefahr bringen. Auch müsse man Unbeteiligte schützen oder hohe Sachschäden vermeiden.

Ich habe Verständnis für Vernunft und Zurückhaltung. Und trotzdem überwiegt bei mir, was die Erfahrung und die Geschichte uns lehren: Wo d Meerhäit vorämä luit briälendä Huiffä der Blind nimmd und schwyygd, wird’s gfäärlich!