Kolumne
Ich meinti: Eine gute Figur machen – frischfrech und unkonventionell

Es begann mit ungeliebter Suppe. Jeden Tag. Bis unsere Kolumnistin davon enthoben wurde, damit sie das auf die Suppe folgende Essen wieder geniessen konnte und etwas zulegte. Nun, da die sommerliche Badesaison ansteht, rücken Pölsterchen und Problemzonen wieder in den Fokus vieler Frauen; nicht so bei der Berner Musikerin Ta’Shan, die ihre Kurven nicht versteckt. Ein Hoch auf Kontrapunkte zum gängigen Mainstream.

Ruth Koch-Niederberger
Ruth Koch-Niederberger
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Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns.

Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns.

Bild: PD

Meine Darbietungen auf der Waage waren mager im Kindesalter. Die Schuld daran lag bei der Suppe. Denn bei einem richtigen Essen gehörte immer zuerst eine Suppe auf den Tisch und folglich in jeden Teller. Sie sei gesund, zusätzlich mache sie stark, war die Devise. Ausserdem füllte sie schon mal die vielen Mägen. Nur: Erstens mochte ich Suppe überhaupt nicht. Zweitens verlor ich danach jeweils den Appetit auf den Häfelikabis mit den Kartoffeln. Das half meiner Energiebilanz natürlich nicht auf die Sprünge. Das merkten auch meine Eltern. Ich wurde eine Zeitlang von der Suppenpflicht enthoben – sehr zum Leidwesen meiner Geschwister, die von diesem Privileg nicht profitierten. Doch langsam legte ich zu, bekam etwas mehr Fleisch an die Knochen.

Viel mehr Fleisch am Knochen hat die junge, aufstrebende Berner Musikerin Ta’Shan. Sie wurde zwar in England entdeckt. Doch seit kurzem feiert sie die ersten Erfolge in der Schweiz. In einem ihrer Hip-Hop-Hits besingt sie ihre Liebe zum Essen inklusive Folgeerscheinungen: «I’m a Foodie, that’s why my body lookin’ juicy.» Irgendwie erfrischend, diese positive Einstellung zu ihrem Appetit. Müsste ich den frechen Text für die Leserinnen und Leser übersetzen, ich würde (zumindest ein bisschen) erröten. In den mutigen Musikvideos versteckt Ta’Shan ihre Kilos nicht. Nein, sie zelebriert sie förmlich.

Das ist eine wahre Wohltat inmitten des allgemeinen Ernährungs- und Schlankheitswahns. Ich finde es bewundernswert, dass eine junge Künstlerin einen Kontrapunkt zu den gängigen Idealvorstellungen setzt. Denn geht man ins Internet, schlägt einem die unbequeme Frage ins Gesicht: «Reif für die Bikinifigur?» Eine Illustrierte empfiehlt «Rezepte gegen runde Pfunde». Eine Ratgeberseite verspricht «Mit Selbsthypnose zur Idealfigur». Der Sommer naht. So mancher Mensch unternimmt nochmals Anstrengungen, um dem Mainstream der Schönheitsideale gerecht zu werden oder sich diesen zumindest anzunähern. Oft mit geringem Erfolg, dafür mit einigem Frust.

Zusätzlich befeuern gestylte Influencerinnen und Influencer in den sozialen Medien ebenso unrealistische wie ungesunde Fantasien. Nachgeholfen wird hier mit ausgeklügelter Kosmetik, dort mit Bildbearbeitung, um etwas schmaler zu wirken. Im Gegenzug verleihen Implantate gefragte Rundungen an gewünschten Orten. Doch die Trends sowie die gesellschaftlichen Erwartungen bestimmen weit mehr als die gute Figur: auch wie sich Frau oder Mann zu bekleiden haben, wie die Wohnung und der Balkon einzurichten sind, wie der Garten auszusehen hat, welche Sportarten grad chic sind.

Ich meinti, es braucht in allen Lebensbereichen frischfreche Frauen wie auch unkonventionelle Männer, die gegen den allgemeinen Mainstream farbige Tupfer setzen. Am besten mit einer guten Portion Selbstvertrauen und mit einem breiten Lächeln im Gesicht, so wie Ta’Shan, das Berner Meitschi. Übrigens: Mit der Suppe habe ich mich über die Jahre ausgesöhnt. Ich bin sogar zu einer wahren Liebhaberin dieser Vorspeise geworden. Obendrein lässt sich inzwischen meine Performance auf der Waage sehen.