Kolumne
«Ich meinti:» Im selben Boot

Ein Kanu kann so manche beständige Beziehung auf die Probe stellen, das weiss «Ich meinti»-Kolumnistin Ruth Koch nur zu gut aus Erfahrung. Einigkeit ist dabei das Mass aller Dinge.

Ruth Koch
Drucken
Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns.

Ruth Koch-Niederberger, Kommunikationsfachfrau aus Kerns.

Bild: PD

Kürzlich auf dem Sarnersee: Wir (mein Angetrauter und ich) wassern unser Boot zur ersten Kanufahrt des Sommers. Gemächlich durchschneiden wir in Ufernähe die ruhige Wasseroberfläche. Im Gleichtakt paddelnd geniessen wir die Sicht auf See und Berge, vorbei an den historischen Strandhäuschen, dem kleinen Bootshafen, den Schilfgürteln. Ein Marienkäfer hat sich auf den See verirrt und klammert sich an ein schwimmendes Blatt. Ich betätige mich als Lebensretterin – die gute Tat des Tages. Die Fischer auf ihren kleinen Motorbooten versuchen in der Bucht ihr Glück. «Harmonisch sieht das aus», ruft uns ein erfahrener Mann an der Angel zu. Meine spontane Antwort: «Immer ist es nicht so harmonisch.» Mein Mann fast gleichzeitig: «Das verdanken wir dem jahrelangen Üben.» Der Fischer lächelt wissend, lässt uns vorbeiziehen.

Tatsächlich hat unser Kanu – ein Kanadier, um genau zu sein – schon einige Beziehungen auf die Probe gestellt. Erstens ist unser Kanadier nicht der einfachste, wie uns erfahrenere Kanuten bestätigen. Zweitens bringt der kleinste Wind, egal ob Gegen-, Seiten- oder Rückenwind, das Boot aus der Fahrtrichtung. Drittens muss man sich im Boot einig sein. Viertens: Überhaupt ist es schwierig.

Es ist nicht wie beim Skifahren. Da kann einer eher rechts, die andere eher links der Skipiste entlang ins Tal fahren. Trotzdem erreichen beide die Talstation. Nein, man sitzt im selben Boot. Es gibt kein selbstgewähltes Rechts oder Links. Also ist es ratsam, von Anfang an das angepeilte Ziel festzulegen. (Welches Strandbeizli, welchen Badeplatz?) Weil es nur im Gleichtakt geht, müssen Mann und Frau sich ebenso zum angeschlagenen Tempo einig werden. (Sein Takt ist eher gemütlich, mein Takt wäre schneller.) Sogar wenn man sich in diesen grundlegenden Dingen einig ist, bewirkt nur schon eine kleine, unbewusste Drehung des Paddels im Wasser einen Richtungswechsel. (Wer paddelt jetzt falsch?)

Mein Angetrauter und ich setzen uns freiwillig zusammen ins gleiche Kanu. In anderen Belangen finden wir uns als Schweizer, als Europäerinnen oder als gesamte Menschheit unfreiwillig im selben Boot. Ich denke dabei zum Beispiel an die Klimakrise, die uns alle etwas angeht. Doch scheint mir, dass da nicht alle dieselbe Richtung anpeilen. Die einen wollen eher links herum, die anderen eher rechts herum. Die Dritten wollen immer nur zur Mitte des Sees. Und was das angeschlagene Tempo angeht, lassen viele das Paddel lieber ruhen.

Als schwarze Gruppe treiben gegen zwanzig Blässhühner im Wasser. Sie führen ihre Unterhaltung in höchsten Tönen. Rund hundert Meter weiter markieren die Möwen als weisse Versammlung einen Kontrapunkt. Sie fliegen auf, als wir uns nähern. Auf dem Rückweg erinnert am Uferweg das noch unvollendete Einlaufbauwerk des Hochwasserstollens an das grosse Unwetter von 2005. Der Fischer hat seinen Platz verlassen. Ob er zufrieden ist mit seinem Fang? «Heute waren wir gut», sagen wir zueinander, als wir das Kanu aus dem Wasser ziehen. Das sagen wir meistens. Manchmal sagen wir auch nichts.