Krummenacher sieht sich nicht als «einsamer Kämpfer» in Alpnach

Am Montag tritt Heinz Krummenacher sein Amt als neuer Gemeinde­präsident von Alpnach an. Es ist sein erstes politisches Amt. Und auf ihn wartet ganz viel Arbeit.

Interview Markus von Rotz
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Heinz Krummenacher, neuer Gemeindepräsident von Alpnach, kann zu Hause in Schroied einen schönen Blick über seine Gemeinde geniessen. .(Bilder: Corinne Glanzmann, Alpnach, 27. August 2014)

Heinz Krummenacher, neuer Gemeindepräsident von Alpnach, kann zu Hause in Schroied einen schönen Blick über seine Gemeinde geniessen. .(Bilder: Corinne Glanzmann, Alpnach, 27. August 2014)

Sie haben hier in Schoried einen guten Überblick über die Gemeinde. Kann das im neuen Amt helfen?

Heinz Krummenacher: Es tut gut, noch besser, wenn man zum Guber rauffährt. Der Ausblick über die wunderschöne Landschaft zeigt auch, dass das Dorf noch intakt ist, und so soll es bleiben. Ich will mich auf jeden Fall dafür stark- machen, dass Alpnach und Schoried ortsplanungsmässig nicht zusammenwachsen.

Sie blicken auch aufs frühere Restaurant Tell, in welchem seit Jahren Asylbewerber untergebracht sind. Erleben Sie diese Nachbarn als angenehm?

Wir haben diese Nachbarschaft schon rund zehn Jahre. Wir erlebten nie etwas Nachteiliges. Natürlich hatten sie zwar hie und da untereinander Probleme. Schliesslich befinden sich diese Menschen in einer prekären Lebenssituation und kommen aus sehr verschiedenen Kulturen.

Das befristete und nun wieder geschlossene Asylzentrum im Dorf gab bedeutend mehr zu reden. Sind Sie froh, dass es vor Ihrem Amtsantritt wieder geschlossen wurde?

Was heisst froh? Ich hätte mich natürlich auch damit auseinandergesetzt. Schade war, dass das Ganze, auch wegen der miserablen Kommunikation des Bundes, medial aufgebauscht wurde.

Sie übernehmen als Neuling im Gemeinderat auch das Präsidium. Ist das nicht etwas gar viel auf einmal?

Auf den ersten Blick ja, aber ich habe mich mit Hilfe meiner Vorgängerin Kathrin Dönni schon ziemlich kundig gemacht. Zudem weiss man als interessierter Bürger etwa, wo es brennt, und ich traue mir die Aufgabe zu. Persönlich war ich bisher nur an jener Sitzung des Gemeinderats dabei, an der die Departemente verteilt wurden. Sonst beschränkte sich die Vorbereitung auf bilaterale Meetings mit Kathrin Dönni und Vizepräsident Thomas Wallimann. Ich wollte mich nicht zu sehr einmischen, bevor ich starte.

Haben Sie vom neuen Amt geträumt?

Nein, nicht direkt. Allerdings träumte ich kürzlich von Bundesrätin Doris Leuthard, wie sie sich unsäglich schwer tat in einem Riesenslalom. Aber einen Zusammenhang habe ich nicht herausgefunden.

Der Alltag holt Sie schnell ein: Schon Ende September ist eine wichtige Abstimmung über eine Steuererhöhung angesetzt. Waren Sie in diesen Entscheid schon irgendwie involviert?

Nein, das machte der alte Gemeinderat, und er hat auch die Botschaft ausgearbeitet. Ich stehe jedoch voll und ganz dahinter. Höhere Steuern sind nötig, weil man sie 2009 zu früh senkte in Erwartung von Mehreinnahmen, die man sich aus der kantonalen Steuerstrategie erhoffte. Diesen Fehler muss man nun korrigieren.

Das Volk lehnte kürzlich eine Erhöhung ab. Klappts im zweiten Anlauf? Es soll dazu noch eine Informationsveranstaltung geben?

Interview mit dem baldigen neuen Alpnacher Gemeindepräsidenten Heinz Krummenacher. Fotografiert am 27. August 2014 bei ihm zu Hause.

Interview mit dem baldigen neuen Alpnacher Gemeindepräsidenten Heinz Krummenacher. Fotografiert am 27. August 2014 bei ihm zu Hause.

«Ich denke, dass die Bevölkerung nicht generell gegen eine Steuererhöhung ist, aber die Art, wie es durch einen zerstrittenen Gemeinderat kommuniziert wurde, führte zu einem negativen Ergebnis.»

Ich traue den mündigen Bürgern zu, dass sie die Notwendigkeit einsehen. Ein Beispiel: Die Sozialausgaben haben sich seit 2008 verdoppelt. Es kommen ferner immer neue Aufgaben auf die Gemeinde zu. Das kann man nicht durch weitere Sparmassnahmen kompensieren. Es gibt nächsten Freitag eine Infoveranstaltung. Die Abstimmungsbotschaft zeigt klar, dass die Erhöhung nötig ist, aber nicht, weil die Verwaltung schlecht mit Geld umgeht. Ausgabenmässig stehen wir besser da als die meisten Gemeinden im Kanton. Wir haben ein Einnahmenproblem. Was aber nicht heisst, dass man nicht gleichzeitig Sparmöglichkeiten suchen soll.

Das Vertrauen in den Gemeinderat und das Verhältnis innerhalb des Rates war auch schon besser als in der jüngsten Vergangenheit. Hilft Ihnen da Ihre Vergangenheit bei der Schweizerischen Friedensstiftung?

Das Know-how hilft schon, aber nur bedingt. Der Gemeinderat muss als Kollektiv Entscheide fällen und soll auch einigermassen gut harmonieren. Das war aus welchen Gründen auch immer nicht mehr möglich. Ich bin aber zuversichtlich, dass uns das gelingen wird. Wir müssen aber nicht ein harmonisches «Trüppli» sein, sollten jedoch auf konstruktive Art und Weise zusammenarbeiten.

Wie stark haben Sie das Pensum beim bisherigen Arbeitgeber reduziert?

Derzeit sind es noch 80, ab 1. September noch 40 Prozent. Nach drei Monaten will ich es neu anschauen, notfalls würde ich mich ganz von Swiss­peace zurückziehen.

Welchen Führungsstil planen Sie?

Ich lege auf jeden Fall Wert darauf, dass jedes Ratsmitglied seine Eigenverantwortlichkeit wahrnimmt und termingetreu arbeitet. Das ist mir enorm wichtig und für einen Dienstleistungsbetrieb unabdingbar. Den Mitarbeitern lasse ich viel Freiraum und greife erst ein, wenn es nicht läuft. Dann scheue ich mich aber nicht, die Probleme anzusprechen und geeignete Massnahmen zu ergreifen.

Und Ihr Credo der Kommunikation?

Ich werde sicher viel kommunizieren. Mit dem «Blettli» haben wir eine gute Möglichkeit, wir müssen sie aber nutzen. Ich will auch meine Internetseite auf Vordermann bringen und auch dieses Medium einsetzen. Zudem ist ja das Interesse der Journalisten vorhanden, was uns auch immer wieder die Möglichkeit gibt, Probleme rechtzeitig aufzuzeigen und zu diskutieren, damit wir die Bürger nicht erst unmittelbar vor Abstimmungen überraschen müssen.

Wo drängt es angesichts der vielen Aufgaben und Pläne Wasserversorgung, Dorfhalle, Tempo 30, Hochwasserschutz, Zentrumsplanung – neben dem Finanziellen besonders?

Ich denke in der Raumplanung. Ich war nicht sehr glücklich darüber, dass man hier ein Gesamtpaket schnürte mit dem Risiko, dass sich die verschiedenen Widerstände aus unterschiedlichen Motiven kumulieren und dann an der Urne zu einem Nein führen. Ferner sind das Soziale und die Gesundheit samt dem Alterszentrum von enormer Bedeutung.

Wären Sie Arzt, was wäre Ihre Diagnose über den Zustand Alpnachs?

Im Moment wäre es eine Ferndiagnose. Das mache ich nicht gerne. Ich will mir ein besseres Bild vom Patienten machen. Alpnach steht vor grossen Herausforderungen wie andere Gemeinden auch, aber man soll nicht immer nur das Negative sehen, sondern auch das Positive. Immerhin haben wir beispielsweise eine sehr gut funktionierende Schule, obwohl wir für Bildung pro Kopf weniger ausgeben als andere Obwaldner Gemeinden.

Sie sind parteilos und wollen es explizit bleiben, weil das unabhängig mache. Wie vernetzen Sie sich, um den Puls im Volk zu spüren?

Indem ich regelmässig Gespräche mit den Parteien und meinem Wahlkomitee führe.

«Ich bin nicht ein einsamer Kämpfer und weiss, dass ich eine Art Resonanzkörper brauche, um zu erfahren, wie meine Art ankommt, wo die Probleme liegen.»

Sobald man in einem Amt ist, sagen einem die Leute nicht mehr alles. Es gibt eine gewisse Hemmschwelle. Ich werde darum die Sprechstunden für die Bevölkerung weiterhin anbieten, damit die Bürger dem Gemeindepräsidenten ihre An­liegen unterbreiten können. Was nicht heisst, dass ich mich diesen dann auch immer selber annehmen werde. Schliesslich haben wir für das Operative eine Geschäftsleitung. Der Gemeinderat soll sich vor allem ums Strategische kümmern.

Sie sind Kosmopolit, haben sich mit Krisenherden in der ganzen Welt befasst. Nun der Wechsel in den Mikrokosmos Alpnach ein Bruch?

Nein, gar nicht. Ich war in den letzten Jahren viel in Westafrika und vor zwei Wochen in Myanmar. Trotz eines immer unterschiedlichen Kontextes geht es dort immer um Gewaltkonflikte, die entstehen, weil der Staat zu wenig Problemlösungskapazität hat. In einer Gemeinde ist das im Prinzip ähnlich: Es geht um gute Staatsführung mit dem Unterschied, dass wir in unserem Land über demokratische Institutionen verfügen, die es uns erlauben, Interessenskonflikte gewaltfrei zu lösen. Bei politischen Problemen jammern wir deshalb auf einem sehr hohen Niveau.

Was geht in Ihnen vor angesichts der Lage im Irak, in Syrien, in der Ukraine, die uns hierzulande ratlos und etwas ohnmächtig zurücklässt?

Krummenacher: Ich darf nicht jeden politischen Konflikt zum eigenen machen, sonst gehe ich zugrunde. Es braucht eine gewisse Distanz. Wenn es trotz Massnahmen immer wieder zu Gewalteskalationen kommt, darf man das auch nicht als persönliches Versagen auffassen. Wir müssen uns auf Hilfe zur Selbsthilfe beschränken, denn was nicht auf lokalen Strukturen basiert, ist nicht nachhaltig. So ist es ein Unsinn sondergleichen, wenn man etwa im sehr patriarchalischen Land Afghanistan ein Parlament einsetzen will und verlangt, dass mindestens 30 Prozent der Mitglieder Frauen sind. Da sollten wir nicht vergessen, wie lange wir für die ­Einführung des Frauenstimmrechts brauchten.

Heinz Krummenacher ist 60 Jahre alt, geschieden, Vater von zwei erwachsenen Kindern. Nach seinem Studium in Internationalen Beziehungen und Publizistik und dem Doktorat im Jahr 1985 war er unter anderem im früheren Militärdepartement als Redaktor und Bereichsleiter Medien- und Sozialforschung tätig. Seit 2008 arbeitet er bei der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace.

Krummenacher warb unter anderem mit diesen Zitaten für seine Wahl:

«Gemeindepolitik ist schwieriger geworden. Es braucht vermehrt Frauen und Männer in der lokalen Politik, die komplexe Zusammenhänge erkennen, im Team zielführende Lösungen erarbeiten und diese effektiv kommunizieren können. Ich verfüge aufgrund von Ausbildung und beruflichem Werdegang über diese Fähigkeiten und befinde mich in einer Lebensphase, in welcher ich nochmals etwas Neues anpacken will.»

«Ich bin gewillt, dieses Amt anzutreten, sollte ich gewählt werden. Gleichzeitig halte ich mit Nachdruck fest, dass heute die Zeit der zwischenmenschlichen Abrechnungen und parteipolitischen Ränkespiele abgelaufen ist. Entweder man und frau in Alpnach rauft sich zusammen, oder das Ganze endet in einem Fiasko.»