Obwalden
Engelberger Pioniergeist für das Skispringen

Als vor 50 Jahren auf der Titlis-Schanze der erste Wettkampf ausgetragen wurde, überraschten die Engelberger die Skispringer mit einer Weltneuheit. Der Pioniergeist ist bis heute geblieben.

Beat Christen
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Beim Bau der Titlis-Schanze vor 50 Jahren war die Startrampe eine Weltneuheit. Die Skispringer mussten erstmals nicht mehr seitlich in die Spur hineinhüpfen. Heute ist dies Standard.

Beim Bau der Titlis-Schanze vor 50 Jahren war die Startrampe eine Weltneuheit. Die Skispringer mussten erstmals nicht mehr seitlich in die Spur hineinhüpfen. Heute ist dies Standard.

Bild: PD

Hoch konzentriert sitzt der aktuell beste Schweizer Skispringer Kilian Peier ganz oben beim Anlauf der grössten Skisprungschanze der Schweiz auf dem Startbalken. Als er sein Gesäss hebt, beginnt die Beschleunigung von null auf über 90 Stundenkilometern, bis er nach rund zehn Sekunden Fahrzeit beim Schanzentisch zu seinem Flug in Richtung Talebene abhebt. Dass die Skispringer direkt in Fahrtrichtung anfahren, war nicht immer so. Das seitliche «In-die-Spur-Hüpfen» gehörte zum Standard, als vor 50 Jahren die Eröffnung der grössten Skisprunganlage der Schweiz in Engelberg auf dem Programm stand. Die Skispringer, Trainer und Funktionäre trauten jedoch ihren Augen nicht, als sie im Klosterdorf ankamen und die brandneue Sprungschanze beäugten. Ganz oben stand sie, die Weltneuheit in Form einer Startrampe, die den Skispringern eine gerade Einfahrt in die Anlaufspur ermöglichte.

Andere Veranstalter übernahmen das System

Die Idee zu dieser Weltneuheit mit der verschiebbaren Startrampe hatte Franz Odermatt, der damals zusammen mit seinem Bruder Adolf eine mechanische Werkstatt mit Spezialgebiet Seilbahnbau betrieb. Dieses Know-how, gepaart mit ganz viel Pioniergeist, stand beim Bau der Startrampe Pate, die dank zwei Zugdrähten in der Längsrichtung stufenlos verstellbar war. Damit konnte innert kürzester Zeit eine mögliche Verlängerung oder Verkürzung des Anlaufes um jede gewünschte Länge erfolgen. Zwei Tonnen wog die Startrampe, welche mit einem Borstenteppich belegt war, um das Abrutschen des Schnees zu verhindern. «Springer aus der ganzen Welt sind des Lobes voll über die neue Startrampe. Ermöglicht sie doch vom Start weg eine volle Konzentration auf den Sprung und gewährt eine wesentliche Sicherheit», war später in einem Bericht der SSV-Springertournee nachzulesen. Engelbergs Vorpreschen hatte Folgen für die anderen Veranstalter. Sie sahen sich schon bald gezwungen, das System Odermatt zu kopieren.

Nach dem Umbau der Titlis-Schanze in den Jahren 2015/16 gehört die Anlaufspur zu den modernsten der Welt.

Nach dem Umbau der Titlis-Schanze in den Jahren 2015/16 gehört die Anlaufspur zu den modernsten der Welt.

Bild: Beat Christen (Engelberg, 17. Dezember)

Aquaplaning in der Spur machte erfinderisch

Der Skisprungsport hat sich seit dem Bau der Titlis-Schanze vor 50 Jahren immer wieder verändert. Das bekamen auch die Engelberger Organisatoren zu spüren. Musste doch die Anlage mehrmals umgebaut und den neusten FIS-Regelwerken angepasst werden. Der letzte Umbau erfolgte in den Jahren 2015/16 und kostete 2,9 Millionen Franken. Es gab aber auch Zeiten, wo man sich in Engelberg eigene Regel gab. So vor 15 Jahren, als beim samstäglichen Wettkampf den Skispringern infolge Dauerregen in der Anlaufspur buchstäblich mit Aquaplaning zu kämpfen hatten. «Not macht bekanntlich erfinderisch», erinnert sich Paul Töngi vom Schanzenteam. In einer Nachtaktion mit wenig Schlaf baute er zusammen mit seinem Bruder Toni die Messer der Spurmaschine so um, dass sie am Morgen zwei Nuten in V-Form in das blanke Eis fräsen konnten. «Dadurch lief zwar das Wasser ab, die FIS-Gewaltigen hatten jedoch keine Freude an dieser Aktion. Entsprach sie damals doch keinem Reglement.» Wieder waren es die Skispringer, die vom neuen Engelberger Anlaufsystem begeistert waren. Heute ist diese Form der Anlaufspur offiziell zugelassen und es gibt gar Hersteller von Spurmaschinen, welche diese Art von Messer gleich mitliefern. «Man hätte damals wohl ein Patent anmelden müssen», meinte Paul Töngi lachend und machte sich daran, mit seinen Mitarbeitern die Anlaufspur für den Wettkampf vom Sonntag abzudecken.

Paul Töngi überwacht das tägliche Einfräsen der Anlaufspur mit der eigens dafür entwickelten Maschine.

Paul Töngi überwacht das tägliche Einfräsen der Anlaufspur mit der eigens dafür entwickelten Maschine.

Bild: Beat Christen (Engelberg, 18. Dezember 2021)