Obwalden
Conrad Gessners 459-jähriges Tierlexikon erscheint in neuem Glanz

Dank eines Spenders konnte die Kantonsbibliothek Obwalden ein Original von Conrad Gessners einzigartigem Tierlexikon restaurieren.

Romano Cuonz
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Gemeinsame Freude über die Restauration eines sensationellen 500-jährigen Buches (von links): Pia Ryser, Sibylle von Matt und Christian Schäli.

Gemeinsame Freude über die Restauration eines sensationellen 500-jährigen Buches (von links): Pia Ryser, Sibylle von Matt und Christian Schäli.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 17. November 2022)

Gerne zeigt Bibliothekarin Pia Ryser Besucherinnen und Besuchern eines der wertvollsten Bücher im Besitz der Kantonsbibliothek Obwalden: das über vier Jahrhunderte alte «Thierbuch» des Humanisten Conrad Gessner. Gessner lebte von 1516‒1565 und war Zürcher Stadtarzt. Gar als «Leonardo da Vinci» der Schweiz hat man ihn tituliert. Nicht zu Unrecht! Der Gelehrte war im 16. Jahrhundert einer der brillantesten Köpfe und wichtigsten Naturforscher der Schweiz. Mit Sprachen beschäftigte er sich genauso wie mit Botanik, Zoologie und Erdwissenschaften. Eines seiner Werke kann man sogar als Vorläufer von Wikipedia sehen: die ursprünglich in Latein verfasste «Historia animalium». In diesem später auf Deutsch übersetzten Werk beschrieb und illustrierte Gessner 1563 über tausend Tiere, die in den vier damals bekannten Kontinenten Europa, Afrika, Amerika und Asien vorkamen. Eines der wenigen 459 Jahre alten Originale dieses Buches besitzt die Kantonsbibliothek Obwalden. Ein wahrer Glücksfall! Das einzigartige Werk wurde ihr vor 127 Jahren, als sie nach ihrer Gründung im ganzen Land um Bücher bettelte, von einem Josef Wigger aus Wilen geschenkt. Der Foliant war in einem weissen Schweinsledereinband gebunden. Zusammen mit einem zweiten, ebenso alten Buch: mit der 1551 gedruckten «Anatomia» von Andreas Vesalius (1514–1564) aus Brüssel. Nur: Die beiden Bücher waren beschädigt und in einem erbärmlichen Zustand.

Ein Spender und eine Restauratorin

Vergangenen Donnerstag aber hielten Bildungsdirektor Christian Schäli und Bibliothekar André Sersa das wertvolle Buch wieder in den Händen. Sozusagen «wie neu»! Dass dies so ist, verdankt man einem wahren Glücksfall. Und so kam es: Die an antiken Büchern sehr interessierte Bibliothekarin Pia Ryser zeigte das Werk im Rahmen einer Archivführung dem Publikum. Dabei bedauerte sie, dass die Bibliothek nicht über genug Geld verfüge, um dessen Zerfall abzuwenden. Unter den Anwesenden war auch der in Obwalden lebende Bruno Bommeli. Der bald Neunzigjährige erklärte sich bereit, die Kosten für die Restauration zu übernehmen. Der Auftrag ging an Sibylle von Matt, eine der versiertesten Buchrestauratorinnen landauf, landab. Sie arbeitete voll Akribie. Monatelang. Reinigte den schmutzigen Einband genauso wie jede einzelne Buchseite. Von Hand reparierte sie Randrisse und Fehlstellen. Sicherte die halb lose Lage des Buchblocks mit neuem Faden. Die Kosten beliefen sich auf 14’000 Franken. Kantonsbibliothekar André Sersa zeigte sich hocherfreut, dass damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung ging. Und Regierungsrat Christian Schäli lobte: «Was Bruno Bommeli da ermöglicht und Sibylle von Matt ausgeführt hat, ist auch eine Investition in die Zukunft.» Nur so könnten auch künftige Generationen sehen, welch bibliophile Bücher schon im 16. Jahrhundert gedruckt wurden.

Selbst Darwin lobte Gessners Werk

«Der Wolff ein listig, vielfrässig und räubig Tier, grauer Farb, gestaltet wie ein grosser Hund, gebiert seine Jungen blind als ein Hund», schreibt Conrad Gessner beispielsweise über das heute in der Schweiz umstrittenste Raubtier. Und er sieht das Wolfsproblem schon damals sehr klar: «Es sind seltsame Gäst und werden vom Landvolk grimmiglich verfolgt, gleich als abgesagte und schädliche Feiend des nutzbaren Viehs.» Diese Tierbücher waren so bahnbrechend, derart informativ und durchdacht aufgebaut, dass sie noch 300 Jahre nach ihrem Erscheinen von Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, in den höchsten Tönen gelobt wurden.