OBWALDEN: «Güggeli-Tonis» Kampf ums Bleiberecht

Jeton Dermaku, bekannt als «Güggeli-Toni», soll ausgeschafft werden. Er könnte über sein turbulentes Privatleben stolpern. Jetzt stellt Dermaku ein Härtefallgesuch – und erhält viel Support.

Drucken
Jeton «Güggeli-Toni» Dermaku in seinem Wagen, in dem er Poulets brät und verkauft. Der selbstständige Unternehmer ist mit seinem Güggeli-Wagen in Obwalden und in der Region Luzern unterwegs. (Bild Philipp Schmidli)

Jeton «Güggeli-Toni» Dermaku in seinem Wagen, in dem er Poulets brät und verkauft. Der selbstständige Unternehmer ist mit seinem Güggeli-Wagen in Obwalden und in der Region Luzern unterwegs. (Bild Philipp Schmidli)

Kari Kälin

Er arbeitet bis zu 15 Stunden am Tag. Am Dienstag steht Jeton Dermaku, genannt «Güggeli-Toni», mit seinem Pouletstand in Meggen, am Mittwoch in Sachseln, am Donnerstag in Kerns, am Freitag in Littau. Am Samstag wird geputzt, am Sonntag ist Ruhetag, am Montag erledigt Dermaku Büroarbeiten. Vor vier Jahren hat sich der heute 40-jährige Kosovare aus Sachseln selbstständig gemacht.

«Güggeli-Toni» ist jovial und sympathisch. Einsprechend gut läuft sein Geschäft. Doch vielleicht müssen die Kunden schon bald auf seine goldig gebratenen Poulets verzichten. Denn am 31. März muss «Güggeli-Toni» die Schweiz verlassen. Die Obwaldner Behörden haben seine Niederlassungsbewilligung annulliert. Ein Rekurs beim Bundesgericht blieb erfolglos.

Härtefallgesuch eingereicht

Dermaku versteht die Welt nicht mehr. «Meine Existenz wird zerstört. Dabei war ich nie kriminell, habe nie Sozialhilfe bezogen», sagt er. «Die Leute verstehen nicht, dass ich ausgeschafft werden soll. Sie schütteln den Kopf», sagt «Güggeli-Toni», als wir ihn am Dienstag in Meggen treffen. Er könne sich nicht vorstellen, im Kosovo eine neue Existenz aufzubauen. Aufgeben kommt für Dermaku nicht in Frage. Im März hat er bei der Abteilung Migration des Kantons Obwalden ein Härtefallgesuch eingereicht, um doch noch ein Bleiberecht zu erhalten. Dermaku macht im Schreiben, verfasst von der Luzerner Rechtsanwältin Claudia Zumtaugwald, eine erfolgreiche soziale und wirtschaftliche Integration geltend.

Bundesgericht stützt Obwalden

Doch wie hat sich Dermaku in seine ungemütliche Lage hineinmanövriert? Weshalb hat ihm das Obwaldner Migrationsamt am 19. November 2013 die Niederlassungsbewilligung aberkannt?

Laut dem Urteil des Bundesgerichts erteilten die Behörden Dermaku am 13. Januar 2005 eine Niederlassungsbewilligung (Ausweis C), gestützt auf eine Ehe mit einer 26 Jahre älteren Schweizerin. Als Dermaku den C-Ausweis erhielt, hatte er allerdings bereits ein Kind mit einer Frau im Kosovo; und eine Schweizerin war zu diesem Zeitpunkt von ihm schwanger. «Niemand hat mich damals gefragt, ob ich noch andere Beziehungen und Kinder habe», sagt Dermaku. Es sei ihm schlicht nicht in den Sinn gekommen, dass sich der Staat für sein Privatleben interessieren könnte.

Das Obwaldner Migrationsamt wies Dermaku am 19. November 2013 weg, weil er wesentliche Tatsachen verschwiegen habe. Das Bundesgericht stützte diesen Entscheid in seinem Urteil vom 15. Januar dieses Jahres. Es kam zum Schluss, dass die Obwaldner Behörden das Gesuch um die Niederlassungsbewilligung vielleicht anders beurteilt hätten, wenn sie über die ausserehelichen Kinder Bescheid gewusst hätten. Das Migrationsamt erfuhr erstmals im Sommer 2013 über Dermakus mehrfache Vaterschaft. Er stellte damals ein Gesuch um Familiennachzug für die mittlerweile drei Kinder seiner Frau aus dem Kosovo.

Drei Beziehungen

Dermakus Geschichte ist komplex. Es geht um Liebe, Parallelbeziehungen, aussereheliche Kinder, persönliche Enttäuschungen. 1999 kam «Güggeli-Toni» als Asylsuchender in die Schweiz, zuvor hatte er zwei Jahre in Deutschland gelebt. Belegt sind seither Beziehungen zu drei Frauen.

Die erste Ehefrau: Im Jahr 2000 heiratete Dermaku, damals 24-jährig, eine 26 Jahre ältere Schweizerin. Er habe sie geliebt, sagt er. Bis 2003 habe er mit ihr in der gleichen Wohnung gelebt und bis zur Trennungsvereinbarung Anfang 2006 eine normale Ehe geführt – allerdings mit Seitensprüngen. Dermaku sagt, seine Frau sei zuerst untreu geworden. Im Jahr 2011 wurde die Ehe offiziell geschieden. «Ich heiratete ihn aus Liebe, Jeton war immer sehr zuvorkommend», sagt die Ex-Frau auf Anfrage. Ob es aus Dermakus Sicht eine Scheinehe war, vermöge sie nicht beurteilen. Das Bundesgericht lässt diese Frage offen. Für Dermaku ist indes klar, dass von einer Scheinehe keine Rede sein könne. «Ich habe sie geliebt», sagt er. Es habe sich um eine Seelenverbindung gehandelt, die über zehn Jahre gehalten habe.

Die zweite Ehefrau: Im April 2012 heiratete Dermaku seine Partnerin, die im Kosovo lebt. Mit ihr hat er unterdessen drei Kinder (heute 6-, 10- und 11-jährig) gezeugt. Das Gesuch um Familiennachzug scheiterte und steht am Ursprung von «Güggeli-Tonis» Problemen mit der Aufenthaltsbewilligung. Unterdessen ist die Beziehung mit der Kosovarin in die Brüche gegangen. Sie hat einen anderen Freund.

Die Schweizer Partnerin: Sie hat drei Kinder von Dermaku (heute 4-, 8- und 10-jährig). Das Tuch zu ihr ist zerschnitten. «Güggeli-Toni» hat alle drei Kinder anerkannt und zahlt nach eigenen Angaben Alimente. Ein Gesuch um das gemeinsame Sorgerecht ist hängig. Dermaku sagt, seine ehemalige Geliebte hintertreibe alle seine Versuche, mit den Kindern in Kontakt zu kommen. Gestern sah er sie erstmals nach 849 Tagen wieder und freute sich riesig. Laut Dermaku kann man nicht von einer «richtigen Beziehung» zu dieser Frau sprechen. Sie habe ihn mehr gewollt als umgekehrt. Mal habe er sie besucht, mal sie ihn.

Die Schweizerin ist aber eine Schlüsselfigur. Sie teilte nämlich dem Obwaldner Migrationsamt mit, sie habe von 2001 bis 2012 mit «Güggeli-­Toni» permanent im gleichen Haushalt gelebt – was beim Migrationsamt Zweifel an der Ernsthaftigkeit mit der Ehe zur älteren Schweizerin weckte, dank der Dermaku die Niederlassungsbewilligung erhielt. «Güggeli-Toni» widerspricht der Darstellung seiner Ex-Geliebten. Er habe nie mit ihr zusammengelebt. Sie habe den Behörden falsche Angaben gemacht, verleumde ihn. Er hat sie deswegen angezeigt.

Kein Kommentar aus Sarnen

Die Obwaldner Behörden kommentieren die unterschiedlichen Darstellungen nicht. Landammann und Volkswirtschaftsdirektor Niklaus Bleiker (CVP) lässt ausrichten, der Kanton könne zu Fragen rund um das Härtefallgesuch keine Stellung nehmen, da es sich um ein laufendes Verfahren handle.

Fassen wir das komplizierte Beziehungsgeflecht kurz zusammen: Dermaku war während elf Jahren mit einer deutlich älteren Schweizerin verheiratet. Gleichzeitig unterhielt er Beziehungen zu einer Kosovarin und einer Schweizerin, mit der er je drei Kinder hat. Die ältere Schweizer Frau sagt, sie habe von den Kindern erst nach der Scheidung erfahren – von den Obwaldner Behörden. Das ist noch nicht alles. Gemäss dem Urteil des Bundesgerichts hat «Güggeli-Toni» ein siebtes aussereheliches Kind in Deutschland. Er stelle die Vaterschaft nicht in Frage, schreiben die Richter in Lausanne. «Güggeli-Toni» widerspricht. Diese Vaterschaft habe er nicht anerkannt. Die Frau habe lediglich gemutmasst, das Kind könnte von ihm stammen.

Demonstration und Petition

Die Geschichte um «Güggeli-Tonis» turbulentes Privatlebens ist nicht ganz frei von widersprüchlichen Aussagen. Klar ist aber: Am 30. März wird vor dem Migrationsamt in Sarnen eine friedliche Demonstration für Dermaku stattfinden. Dabei kann er sich auf breiten Support aus der Bevölkerung stützen. Mehr als 500 Personen haben eine Petition unterschrieben, in der sie sich für «Güggeli-Tonis» Verbleib in der Schweiz aussprechen. «Die meisten sind Schweizer, viele stammen aus Obwalden, andere sind Kunden», sagt Dermaku – und bedankt sich für die Unterstützung. Die Wegweisung wäre auch für seine Kinder katastrophal, gibt «Güggeli-Toni» zu bedenken. «Wenn ich nicht bleiben darf, kann ich keine Alimente mehr zahlen.»

Westschweiz genehmigt am meisten Härtefälle

Wer wie «Güggeli-Toni» das Recht auf Aufenhalt in der Schweiz verliert oder gar nie eines hatte (Sans-Papiers), kann gestützt auf das Ausländergesetz ein Härtefallgesuch stellen. Wer wirtschaftlich und sozial gut integriert ist, nicht straffällig wurde, schon längere Zeit in der Schweiz war und Schulkinder hat, besitzt durchaus gute Chancen auf ein Bleiberecht.

Nur elf Gesuche abgelehnt

Im Jahr 2014 durften 294 Ausländer ohne gültigen Aufenthaltsstatus (darin nicht inbegriffen sind abgewiesene Asylsuchende) dank der Härtefallregelung in der Schweiz bleiben. Nur in elf Fällen lehnte der Bund eine Empfehlung der Kantone ab. Ein Blick in die Statistik fördert Interessantes zu Tage. Neun Kantone (siehe Tabelle) hiessen Härtefallgesuche gut und leiteten sie ans Staatssekretariat für Migration (SEM) weiter.

Ermessensspielraum im Gesetz

Die Kantone Waadt und Genf akzeptierten mit Abstand am meisten Härtefallgesuche. Der Bund pfiff Genf nur in fünf und die Waadt in sechs Fällen zurück.

Weshalb gibt es am Genfersee so viele Härtefälle? Guy Burnens ist Vorsteher des Amts für Ausländerfragen im Kanton Waadt. Die Kantone verfügten bei der Beurteilung gemäss Artikel 96 im Ausländergesetz über Ermessensspielraum, sagt er. Der Kanton Waadt habe in dieser Frage vielleicht eine etwas andere Sensibilität als die Deutschschweizer Kantone. Die meisten Gesuchsteller im Kanton Waadt stammen aus Südamerika und dem Balkan. Es handelt sich um sogenannte Sans-Papiers.

Integration wichtigstes Kriterium

Ledige Personen erhalten in der Regel eine Aufenthaltsbewilligung, wenn sie 10 Jahre in der Schweiz gelebt haben, für sich selber sorgen können und nicht straffällig wurden. Bei Familien mit Kindern im schulpflichtigen Alter genügen 5 bis 10 Jahre Aufenthalt in der Schweiz. «Wenn sich die Sans-Papiers erfolgreich integriert haben, heissen wir die Härtefallgesuche gut», sagt Burnens. Dass der Bund nur wenige Fälle ablehne, zeige, dass der Kanton Waadt eine gute Praxis verfolge.

Bild: Tabelle Neue LZ

Bild: Tabelle Neue LZ