Obwalden
Sorgen und Protest wegen Sachsler Kernfahrbahn

Die Kernfahrbahn stösst vielen Sachslerinnen und Sachslern sauer auf. Kantonsingenieur Martin Bürgi entschuldigte sich an der Gemeindeversammlung für die ungenügende Information.

Romano Cuonz
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Die neue Sachsler Kernfahrbahn, die Autofahrer und Velofahrer irritiert, gab an der Gemeindeversammlung zu reden.

Die neue Sachsler Kernfahrbahn, die Autofahrer und Velofahrer irritiert, gab an der Gemeindeversammlung zu reden.

Bild: Romano Cuonz (Sachseln, 26. Mai 2021)

«Mit der neuen Kernfahrbahn ist der Schulweg für Sachsler Kindergärtler, Erst- und Zweitklässler gefährlich geworden, die Möglichkeit, ihn selbständig zurückzulegen, wurde ihnen unvorbereitet, von einem Tag auf den andern genommen», monierte an der Sachsler Gemeindeversammlung Nora Eigensatz Schrackmann. Die Mutter verlangte vom Rat Auskunft darüber, was er zu tun gedenke für einen Schulweg, der Kindern noch zumutbar sei. Das Problem, das sie ansprach, beschäftigt derzeit viele Sachslerinnen und Sachsler. Vor der Einführung der neuen Kernfahrbahn im Januar 2021 durften Kinder bis zwölf Jahre das Trottoir überall benützen. Diese Möglichkeit wurde ihnen dort, wo Radstreifen markiert sind, genommen. Alle Velofahrer – auch die kleinen – müssen nun auf den rechts und links der engen Fahrbahn markierten Radstreifen zirkulieren.

«Die Benützung des Trottoirs ist für Velofahrende nicht mehr erlaubt», heisst es im Merkblatt der Einwohnergemeinde, das an alle Haushalte ging. Immerhin versprach man, dass die Verkehrs- und Sicherheitspolizei die Umstellung begleitet und Schülerinnen und Schüler auf die neue Regelung vorbereiten würde. Doch was getan wurde, war im Rückblick nicht genug. Kantonsingenieur Martin Bürgi entschuldigte sich bei den Anwesenden und sagte:

«Die Kommunikation zur Kernfahrbahn haben wir unterschätzt, im Nachhinein stellten wir fest, dass neben dem Flugblatt und zwei Medienmitteilungen eine Information der Schule nötig gewesen wäre.»

Gemeindepräsident Peter Rohrer teilte die Sorgen der Eltern. Als Grossvater sei auch ihm klar, dass Kinder erst ab der vierten Klasse Velounterricht erhielten und somit tatsächlich ein ernsthaftes Problem bestehe. «Der einjährige Versuch wird wie geplant weitergeführt, alle Feedbacks aber werden beachtet», versprach er. Kantonsingenieur Martin Bürgi pflichtete bei. «Gegen Ende Jahr werten wir das Monitoring und die Umfragen aus und überprüfen, ob wir die Projektziele erreicht haben», sagte er. Diese seien: mehr Verkehrssicherheit für alle und keine Unfälle mehr mit Velofahrenden auf dem Trottoir. Aufgrund des Resultats will man entscheiden, ob die Kernfahrbahn in Sachseln bestehen bleibt oder ob der Versuch abgebrochen wird.

Sachseln finanziell gut aufgestellt

Sachselns Finanzchef Werner Nolte stellte rund 70 Anwesenden die sehr gute Rechnung 2020 vor. Aufgrund ausserordentlicher Steuereinnahmen schliesst sie mit einem Ertragsüberschuss von über 3,2 Millionen Franken ab. Budgetiert war ein Aufwandüberschuss von 793'877 Franken. Mit 1,3 Millionen werden die finanzpolitischen Reserven aufgestockt.

Gemeinderat Walter Küchler erhielt Zustimmung für einen Kredit von 359'900 Franken zur Sanierung des Schwerzbachs oberhalb des Betagtenheims Felsenheim. Holzsperren, die sich in einem schlechten Zustand befinden, werden ersetzt, Ufergehölze neu aufgeforstet. Baubeginn ist 2021.

Heftige Kritik eines Sachsler Vaters

Gleich mehrere kritische Fragen stellte der Sachsler Ingenieur und Projektleiter Gregor Oberli. Unter anderem wollte er wissen, was denn passiere, wenn die öffentliche Hand – wie in diesem Fall – die Normen des Schweizerischen Verbands der Strassen und Verkehrsfachleute (VSS) nicht einhalte. Und als besorgter Vater fügte er hinzu: «Namentlich, wenn dies zu einem Unfall führen sollte.» Oberli rechnete vor, wie beim Sachsler Versuch die Kernfahrbahnbreite, gemäss VSS-Norm, unterschritten wird. Nur noch 4,07 Meter seien es, statt wie aufgrund der 2018 erhobenen Verkerhrszahlen vorgegebenen 6 Meter. Der Verkehrsexperte und Planer Aschi E. Schmid entgegnete: «VSS-Normen sind Richtlinien und keineswegs Gesetze.» Die Verantwortlichen in Gemeinden und Kantonen könnten von diesen Normen abweichen, wenn sie sich mit der Situation vor Ort auseinandersetzen würden. Genau dies habe man in Sachseln getan und befunden, dass hier mindestens eine Testphase machbar sei.

Die Fachleute und der Gemeinderat betonten, dass die Probleme des Schulweges erkannt seien und dass ein Schulwegkonzept mit Empfehlungen für einen sicheren Schulweg erarbeitet werde.

«Die Verantwortung für die Kinder auf dem Schulweg liegt aber immer bei den Eltern»,

postulierte Experte Aschi E. Schmid. Mit solchen Antworten gab sich Gregor Oberli gar nicht zufrieden. Wörtlich meinte er: «Der ganze Versuch ist nicht durchdacht und grottenschlecht kommuniziert, für uns Eltern und vor allem für die Kinder einfach nicht zumutbar.» Für dieses Votum erhielt Oberli sogar Applaus. Kantonsingenieur Martin Bürgi zeigte Verständnis für besorgte Eltern. Er wies aber auch darauf hin, dass für Velofahrende auf dem Trottoir grosse Gefahr bestehe, weil die Sichtweiten vieler Ausfahrten auf Fussgängergeschwindigkeiten ausgelegt seien.