Obwalden
Wanderkonzert des Kammermusik-Festivals bewegt das Publikum – auch wortwörtlich

Das Wanderkonzert vom Fronleichnamstag bescherte dem Publikum des Kammermusik-Festivals besondere Noten.

Primus Camenzind
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«Heute werden Sie mit uns bewegt», erklärte Elisabeth Melcher-Arquint, die Präsidentin des Kammermusik-Festivals. Und so verhielt es sich auch: Nicht nur die drei Künstlerinnen brachten Bewegung in ihr Spiel, auch das Publikum, ausgerüstet mit Wanderschuhen und Rucksäcken, geriet in Bewegung. Das hat das traditionelle Wanderkonzert dieses Festivals so an sich.

Der erste Auftritt fand in der Kapelle Flüeli-Ranft statt. Anschliessend machten sich die Musikfreunde auf Schusters Rappen über den Pilgerweg auf – Richtung Museum Bruder Klaus in Sachseln. Dort wurde dieser Nachmittag bei sonnigem Wetter im prächtigen Garten, im kühlen Keller und letztlich in der repräsentativen Stube des Museums fortgesetzt.

Lebhaft, stimmgewaltig, mystisch

Im sakralen Raum der Kapelle Flüeli erklangen zu Beginn vier Werke für Soloinstrumente. Die Cellistin Chiara Enderle Samatanga interpretierte ein lebhaftes Präludium von J. S. Bach (1685–1750), während die stimmgewaltige Lara Morger mit ihrem Mezzosopran «Only» für Solovokal von Morton Feldman (1926–1987) zum Besten gab. Lisa Anna Gross wiederum entlockte ihrem mystischen Englischhorn eine Bearbeitung von Debussy (1862–1918) sowie ein Stück aus «Songs And Poems» von Philip Glass (*1937). Die drei Künstlerinnen verstanden es in hervorragender Manier, das wohlklingende Gotteshaus optimal zu bespielen.

Der vierte Auftritt in der Stube des Museums Bruder Klaus. Von links: Chiara Enderle Samatanga, Lisa Anna Gross und Lara Morger.

Der vierte Auftritt in der Stube des Museums Bruder Klaus. Von links: Chiara Enderle Samatanga, Lisa Anna Gross und Lara Morger.

Bild: Primus Camenzind (Sachseln, 16. Juni 2022)

Jene Augenblicke, als die drei Solostimmen in Kantaten von Michel Pignolet de Montéclair (1667–1737) zusammenfanden, gerieten zum energiegeladenen und von der Virtuosität der Interpretinnen getragenen tonalen Gespräch. Und immer wieder fanden sie ihren Weg zurück in die «Einsamkeit» – etwa die Cellistin («Sarabande» von J. S. Bach) oder Lisa Anna Gross auf dem Englischhorn (György Kurtág, *1926, Ungarn). Lara Morger, in Sachseln geboren und aufgewachsen, öffnete mit grossem Tonumfang ihr gefühlvolles musikalisches Herz unter anderem mit dem Lied «O virtus sapientiae» der Nonne und Dichterin Hildegard von Bingen (1098–1179). Nach einer knappen Stunde voller faszinierender Eindrücke und einem anschliessenden Fussmarsch fand sich das Publikum in Sachseln wieder.

Konfrontation im Keller

Im Garten des Museums Bruder Klaus – umgeben von Holzskulpturen verschiedener Obwaldner Künstler – stellten sich die menschliche Stimme und das Englischhorn einem spannenden Dialog von Vaughan Williams (1852–1958). Dieser Zyklus mit zehn Liedern wurde vom Komponisten für «The Vision Of William Blake» geschrieben. Der Keller des Hauses, ein Video mit Zeichnungen und zeitgenössische Klänge bildeten den Rahmen für eine Konfrontation zwischen Mezzosopran und Violoncello. Das Werk mit dem Titel «Kohle, Kreide» von Carola Bauckholt (*1959).

Lara Morger aus Sachseln ist inzwischen eine international gefragte Sängerin.

Lara Morger aus Sachseln ist inzwischen eine international gefragte Sängerin.

Primus Camenzind / Obwaldner Zeitung / CH Media AG

Die Komponistin verlieh vor zehn Jahren ihrer Vorstellung einer Videokonferenz mit Störungen Ausdruck. Hierfür folgte Chiara Enderle Samatanga den Kohle- und Kreidestrichen mit improvisativen Tonfolgen. Mit einer teilweise von Emotionen getriebenen und teilweise bis zum Schrei ausufernden Stimme trug Lara Morger zudem entscheidend zum Chaos bei. Dem Geschehen mangelte es nicht an Bezug zur häufig scheiternden Kommunikation unserer Tage.

Ende mit Charme

Nach diesem aufwühlenden Gang in den Keller fand das Wanderkonzert sein versöhnliches und schon fast beglückendes Ende in der Stube des Museums. Mit Charme und Liebenswürdigkeit genossen die Zuhörerinnen und Zuhörer Anleitungen zur «Kunst des Küssens», ihnen wurde die Wirkung des «Rheinischen Weines» besungen. Das Trio gab Werke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert zum Besten. Musik, welche die Affiche des Tages «alone together» – nämlich die Meinung, dass der Mensch auch im Zusammensein der Einsamkeit nicht entrinnen könne – in Frage stellt. Wie auch immer: Dieser Nachmittag des Fronleichnams 2022 wird als ein Leckerbissen des Kammermusik-Festivals in Erinnerung bleiben.