Obwalden
Wie ein Engelberger Fotograf den Chansonnier Stephan Eicher auf Film einfing

Die gemeinsamen Projekte und Reisen von Fotograf Daniel Infanger und Stephan Eicher sind ein Thema der Winterausstellung des Talmuseums Engelberg.

Romano Cuonz
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Im Parterre des Talmuseums Engelberg begegnet man derzeit im Minikino dem bekannten Rock-Chansonnier Stephan Eicher. Was man zu sehen bekommt, ist ein Videoclip zum Album «Louanges», welches Eicher 1999 herausbrachte. Gedreht und geschnitten hat dieses schwarz-weisse Porträt der 54-jährige, aus Engelberg stammende Fotograf und Filmer Daniel Infanger.

Stephan Eicher, fotografiert von Daniel Infanger.

Stephan Eicher, fotografiert von Daniel Infanger.

Bild: PD

Eindrücklich und sehr persönlich ist die Bildsprache, die er dabei findet. Infanger nähert sich dem Star behutsam und doch selbstsicher an. Man spürt Bild für Bild, Sequenz für Sequenz, wie sich hier zwei kreative Persönlichkeiten auf Augenhöhe begegnen. Die gemeinsamen Projekte und Reisen der beiden Künstler sind ein Thema in der heurigen Winterausstellung des Talmuseums Engelberg mit dem Titel «Daniel Infanger – Fotografien und Filme».

Verbindungstür zum Kino

«Von der Wäscherei meiner Mutter gab es eine Verbindungstür zum Kino Engelberg», erzählt Daniel Infanger schmunzelnd. Der Kinobetreiber liess ihn immer wieder durchschlüpfen. So habe er schon als Bub viele Filme geschaut und sich dafür mit dem Zurückspulen der Rollen bedankt. «Der letzte Film, den ich gesehen habe, war ‹Cinema Paradiso›, die fast parallele Geschichte eines Jungen, der im Kino half und so die grosse Welt des Films entdeckte», erinnert sich Daniel Infanger. Davon sei wohl seine Faszination fürs Filmemachen ausgegangen.

Doch der Weg dahin war lang: Zuerst absolvierte Infanger eine Lehre als Automechaniker, im Winter arbeitete er als Skilehrer und in der Freizeit war er Schlagzeuger bei der Band Jolly and the Flytrap. Auch die Leidenschaft zur Musik blieb. Nach mehrjähriger Assistenz bei verschiedenen Fotografen eröffnete Infanger 1990 in Riehen bei Basel ein eigenes Fotostudio. Seither ist er als freischaffender Fotograf und Regisseur namentlich auch in der Werbefotografie tätig. Immer wieder inszeniert Infanger in Bildern Musiker aus aller Welt auf seine besondere Weise. Auch Hotels und ihre Einrichtungen faszinieren ihn. Dieses vielseitige Schaffen ist im Talmuseum eindrücklich dokumentiert.

Zu einem für Infangers künstlerische Karriere entscheidenden Treffen kam es aber, als Stephan Eicher für Musikaufnahmen in Engelberg weilte. Die beiden verstanden sich auf Anhieb. Bald schon realisierten sie gemeinsame Projekte: musikalisch und fotografisch festgehaltene Reisen entlang der Rhone, vom Gletscher bis zum Mittelmeer. Oder mit dem Taxi von Hamburg bis Palermo.

Orangerie im Talmuseum

Einen Höhepunkt der Zusammenarbeit zwischen Musiker und Fotograf erleben Besucherinnen und Besucher im zweiten Stock des Museums. Man sieht sich seltsamen Pflanzen gegenüber. Dazwischen aufgetürmt Stühle und alte Möbel. Eine Orangerie im Winter. Museumsleiterin Nicole Eller Risi erklärt: «Luxuriöse Engelberger Hotels mussten ihre exotischen Pflanzen überwintern.» Dieses Szenario habe das Museum zusammen mit der Floristin Nina Mösch nachgestellt.

Fotograf Daniel Infanger hat im Talmuseum eine Orangerie und dazu Pflanzenbilder in altem Fotoverfahren installiert.

Fotograf Daniel Infanger hat im Talmuseum eine Orangerie und dazu Pflanzenbilder in altem Fotoverfahren installiert.

Bild: Romano Cuonz (Engelberg, 18. Dezember 2021)

An den Wänden aber ist eines der aufwendigsten Projekte von Infanger und Eicher dokumentiert. Die beiden folgten auf der Sankt Petersinsel jahrelang den Spuren von Jean-Jacques Rousseau. Wie der grosse Philosoph sammelten sie Pflanzen, pressten und archivierten 320 davon. «Um dies möglichst authentisch zu dokumentieren, bediente ich mich der historischen Kollodium-Nassplatten-Fotografie», erzählt Infanger.

Einzelne Bilder aus Filmaufnahmen

Genau wie Reisefotografen im 19. Jahrhundert musste er neben einer wuchtigen und schweren Kamera stets auch eine Dunkelkammer mit sich führen. Eine zeitnahe Verarbeitung war nötig. Die langen Belichtungszeiten setzten ein fotografisches Gespür und viel Experimentierlust voraus. Resultate sind Aufnahmen von Pflanzen im Unikatverfahren. Mit einer geheimnisvollen Bildsprache, wie man sie kaum je zuvor gesehen hat.

Im obersten Stock zeigt Daniel Infanger cineastische Arbeiten. Auch da experimentiert der Künstler, der eine lange Engelberger Fotografentradition fortsetzt. «Ich arbeite auf der Schnittstelle zwischen Film und Fotografie», erläutert er. Seine Kurzfilme, für die er immer auch Schauspielerinnen und Schauspieler verpflichtet, dreht er mit der Kinokamera. Das Bestechende dabei: Aus den Filmen schält er einzelne Bilder heraus. So dokumentiert, ja demonstriert er den fast fliessenden Übergang zwischen Film und Fotografie. Ein Entdecker lädt im Talmuseum zum Entdecken ein.