Sarnafil
Von Sarnen aus die Welt erobert: Im alten Waisenhaus schlug die Geburtsstunde einer besonderen Membrane

1962 war das Jahr der Einführung der Marke Sarnafil. Seither wurden auf der ganzen Welt Gebäude von einer Milliarde Quadratmetern gebaut, was fast der doppelten Fläche des Bodensees entspricht.

Markus Villiger
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Die Firmengeschichte der damaligen Kunststoff AG Sarnen ist äusserst spannend. Das erste Produkt der Firma waren nicht Membranen, sondern Baby-Windeln aus Nylon. Zum diesjährigen Jubiläum des 60-jährigen Firmennamens Sarnafil wird an die Anfänge erinnert und das Heute aufgezeigt.

Dr. Viktor Girtanner arbeitete zusammen mit Hermann Baehni in der Gurit AG in Richterswil. Sie freundeten sich an, und es entstand die Idee, eine eigene Firma zu gründen. Dazu setzten sie ihr ganzes Eigenkapital von damals 100'000 Franken ein. Als Standort der Firma war ursprünglich der Kanton Zug vorgesehen. Dort wurden jedoch keine geeigneten Mieträume gefunden. So bewarb sich Dr. Viktor Girtanner auf ein Chiffre-Inserat in der NZZ: «Innerschweizer Gemeinde sucht Industrie, Lokalitäten sind vorhanden.» Es stellte sich heraus, dass es sich dabei um das alte Waisenhaus in Sarnen handelte. Das Gefühl, willkommen zu sein, trug zum Entscheid für den Standort bei. Die schöne Landschaft tat ihr Übriges. Am Anfang wurden Windeln und Silopressen konfektioniert. Das Windeln-Geschäft wurde bis 1980 weitergeführt. Ein Jahr später kamen Planschbecken, Nylonwindeln und Lätzchen dazu.

Im ehemaligen Sarner Waisenhaus schlug vor 60 Jahren die Geburtsstunde von Sarnafil.

Im ehemaligen Sarner Waisenhaus schlug vor 60 Jahren die Geburtsstunde von Sarnafil.

Bild: PD

Erster Grossauftrag an der Landesausstellung

Der am 8. Mai 1958 gegründeten Kunststoff AG Sarnen (Sarna), gelang es 1962 mit der Einführung der Marke Sarnafil einen Grossauftrag für Dachbespannungen für die Schweizerische Landesausstellung zu sichern. Diese fand 1964 in Lausanne statt. Die Gesamtfläche von 42'000 Quadratmetern wurde auf einer Versuchsmaschine M8 in einer eilends errichteten und mit Sarnafil bespannten Bogenhalle hergestellt. Auf einen Schlag war die Marke Sarnafil bei vielen Baufachleuten ein Begriff. Bald darauf folgten Ausstellungshallen in Budapest und Wien.

Die Einführung der Sarnafil-Membrane hat der Welt die erste gewebeverstärkte thermoplastische Membrane – ein langlebiges, nachhaltiges Hochleistungsdach- und Wasserdichtungssystem – gebracht, auf das man sich verlassen kann, um gewerbliche Strukturen und ihren Inhalt vor den Elementen zu schützen, wie die Verantwortlichen gegenüber unserer Zeitung darlegten.

Der Kanton Obwalden versuchte in den 50er-Jahren verstärkt Gewerbe- und Industrieunternehmen anzusiedeln. So ist dem Gemeinderatsprotokoll von Sarnen vom 10. Februar 1958 Folgendes zu entnehmen: «Im Betrieb der Kunststoff AG sollen vorerst vier, gegen Ende 1958 sieben bis acht, im Verlaufe des Jahres 1958 15 bis 20 Frauen beschäftigt werden können.» Die Kunststoff AG Sarnen bot in den Gründungsjahren aber nur einige wenige Arbeitsplätze an, doch das Unternehmen entwickelte sich stetig. Der Personalbedarf wuchs und mit der Zeit wurden auch Lehrstellen geschaffen. «Die Kunststoff AG eröffnete neue Möglichkeiten und half dadurch die Abwanderung zu bremsen», kann der Firmenchronik entnommen werden.

250 Mitarbeiter in Sarnen beschäftigt

Im Jahr 2005 wurde die Unternehmung von Sika übernommen. Heute zählt die Sika zusammen mit Sarna weltweit über 27'000 Mitarbeiter, ist in über 100 Ländern mit Tochtergesellschaften vertreten und produziert in über 300 Fabriken. Im ersten Halbjahr 2022 wurde ein Umsatz von 5,2 Milliarden Franken erwirtschaftet. Im vergangenen Jahr 2021 belief sich der Umsatz auf 9,3 Milliarden Franken.

Am Standort Sarnen sind derzeit 250 Mitarbeitende, verteilt auf fünf Sika-Gesellschaften, beschäftigt. Die Sika Manufacturing, welche ein Membranen-Produktionswerk betreibt, macht dabei die Hälfte des Personals am Standort aus. Die Sika Technology betreibt vor Ort Forschung und Entwicklung. Die Sika Schweiz AG führt den schweizerischen Hauptsitz des Dachbereichs, inklusive Schulungszentrum. Hinzu kommt die Sika Services AG und Sika Supply Center mit dem europaweiten Verkauf und weiteren Mitarbeitern in verschiedenen Abteilungen. Sika hat in Sarnen einen festen, im Konzern verankerten Standort, der weiter optimiert und ausgebaut wird. Das ist für die Kernkompetenz der Dachabdichtungsbahnen für die Zukunft von eminenter Wichtigkeit.