Sarnen
Romano Cuonz und Plinio Meyer inspirieren mit klangvollem Zusammenspiel ihrer Mundarten

Der Obwaldner Autor stellte an der Buchvernissage sein neuestes Werk vor. Er überrascht mit seiner lyrischen Seite.

Marion Wannemacher
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Lesemorgen mit Romano Cuonz (rechts). Mit Plinio Meyer beim Signieren.

Lesemorgen mit Romano Cuonz (rechts). Mit Plinio Meyer beim Signieren.

Bild: Marion Wannemacher (Sarnen, 2. April 2022)

Der Saal im Hotel Krone ist voll, es braucht noch Stühle für all die Besucherinnen und Besucher. Romano Cuonz zeigt sich vom Interesse der Obwaldner «überwältigt», wie er ehrlich bekennt. Viele Vertreter aus Politik und Kultur sind da. Sie alle wollen sich sein neuestes Werk nicht entgehen lassen. «Gedichte von Romano Cuonz» nennt es sich schlicht und zeigt eine Seite, die ob der vielfältigen Schaffenskraft des Obwaldner Journalisten, Autors und Publizisten manchmal in Vergessenheit gerät. Der Obwaldner Kulturpreisträger von 2013 ist auch Lyriker.

Schweizer Premiere mit Gedichten auf zwei verschiedenen Dialekten

Das vom emeritierten Philologie-Professor Angelo Garovi herausgegebene Büchlein im Reclam-Format ist eine Besonderheit an sich. Es enthält Wochengedichte aus einem Atelieraufenthalt von Romano Cuonz vor zwei Jahren in der «Chasa Parli» im Münstertal. Diese wurden von Plinio Meyer, seinem rätoromanischen Kollegen, übersetzt. Und zwar in die «Grossvatersprache» von Cuonz. Der heute 76-Jährige mit Heimatort Zernez wurde in Chur geboren. Die SRG sprach in ihrer Einladung zum Lesemorgen von einer «Schweizer Premiere».

Das neue Buch ist im Format der bekannten Reclambüchlein.

Das neue Buch ist im Format der bekannten Reclambüchlein.

Bild: Marion Wannemacher (Sarnen, 2. April 2022)

Und da lesen sie abwechselnd, die beiden Schriftsteller: der eine in wunderbar urchiger Obwaldner Mundart, der andere im für unsere Ohren exotischen Dialekt mit den vielen «tsch»s. Klangvoll und rhythmisch ist das Zusammenspiel, auf einfühlsame Weise ergänzt durch die Einlagen des Perkussionisten Christian Bucher aus Horw. Cuonz und Meyer nehmen ihre Zuhörer mit auf ihre Reise ins Münstertal, in die «Chasa Parli», ins Kloster und zur klappernden Mühle. Sprachbilder, oft melancholisch und altersweise, versenken sich ins Gemüt.

«Chasa Parli» von Romano Cuonz

Geheimnis, bewahrt im alten Haus.
Mit der Zeit lösen sich
Buchstaben aus der
Erstarrung.
Silbe um Silbe taut.
Durchfrorene Worte
wärmen sich an Sätzen.
Vielleicht fügt sie jemand
zu Geschichten.
Manchmal tippt man
eine in den Laptop,
bevor eisiger Wind
sie verweht.

Fast hätten wir vergessen, wie schön es ist, vorgelesen zu bekommen. Im Saal ist es mucksmäuschenstill. Es ist genau der richtige Morgen mit seiner schneeweissen Pracht für das Schneegedicht, in dem es um «diä gross Stilli, wenn’s bständig schneefäckläd» geht. Eindrücklich auch die Metapher im Gedicht «Taiwwetter». Der «Uistag rinnd wiä Schmèlziwasser usäm Kaländer». Zwischen den Gedichten erzählt Romano Cuonz persönliche Eindrücke von seinem Atelieraufenthalt.

In einer kurzen Erzählung unterhält Plinio Meyer mit einem Einblick in seinen Alltag als Hotelier im Hotel Münsterhof. Es geht um eine Betrachtung des Modebegriffs «Work-Life-Balance». Meyer kommt zum tiefsinnigen Schluss, dass er gerade die Arbeit braucht für seine Work-Life-Balance. Gebannt, obwohl die meisten im Saal kein Rätoromanisch verstehen, lauscht das Publikum Meyers Version des «Totemügerli» von Franz Hohler. Was auch immer Meyer da im Heimatdialekt erzählt, es klingt lebhaft und temperamentvoll.

Plinio Meyer aus dem Müstair.

Plinio Meyer aus dem Müstair.

Bild: Marion Wannemacher (Sarnen, 2. April 2022)

Die verhängnisvolle Engadiner Nusstorte

Mit viel Selbstironie und Humor gibt Romano Cuonz eine Erzählung von Diätplänen während eines Schreibaufenthalts in St.Moritz preis. Die unverschämte Bemerkung eines deutschen Touristen über die stattliche Figur des Schriftstellers hatte wohl gesessen. Auf die Packliste für die Engadiner Ferien kamen Nordic-Walking-Stecken, Wanderschuhe und Rucksack. Dinner-Cancelling statt Kaffee und Kuchen. Und am Schluss doch alle Mühe umsonst. Ein ungewollter Pflichtbesuch bei den Verwandten im Engadin und eine Extraportion Engadiner Nusstorte aus Höflichkeit wurden ihm zum Verhängnis.

Heiteres und Besinnliches: Das macht diesen Lesemorgen aus. Er fällt einfach viel zu kurz aus. Manchem bleibt das Lachen ob der bitteren Wahrheiten in den «Tytsch-und-Tytlich-Sprich» fast im Hals stecken:

«Scho wider zäigidsie Mäntschä, wo i Zält miänd läbä, godlob isch der Färnseer am Schärmä.» Oder «Gschyyd muäsch nid ai no sy, wend' hiäsig bisch.»

Lang ist die Schlange derer, die ein Büchlein erwerben möchten. Natürlich mit persönlicher Widmung der Autoren. Wie hatte Bildungsdirektor Christian Schäli in seinem Vorwort geschrieben: «Die Chancen, mit Gedichten über die Natur und ihre Erscheinungen einen Bestseller zu landen, sind heutzutage nicht sehr rosig.» Der Lesemorgen war eine Punktlandung.

Das Buch «Gedichte von Romano Cuonz» ist bei der Buchhandlung Dillier in Sarnen und der Buchhandlung von Matt in Stans erhältlich.