Theater Sarnen
Bonnie und Clyde gegen den Rest der Welt: Das Publikum braucht starke Nerven

Das Theater Sarnen dokumentiert und mimt die Legende des berühmten Gangsterpaars Bonnie und Clyde.

Romano Cuonz
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«Schnallen Sie sich gut an», empfiehlt das Theater Sarnen dem Publikum der neusten Produktion. In der Tat: Während der ganzen Aufführung ist man hautnah mit dabei, wenn das weltberühmte amerikanische Gangsterpaar Bonnie und Clyde in seinem Ford V8 von Überfall zu Überfall rast. Mit der Polizei liefern sich die beiden ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel. Wenn sie in Bedrängnis geraten, scheuen sie auch vor Morden nicht zurück. In grossem Tempo – wie bei einem von Bildschnitt zu Bildschnitt rasenden Thriller – rauscht die wohl aufsehenerregendste Liebes- und Verbrechergeschichte US-Amerikas an einem vorüber, Szene um Szene.

Eine atemberaubend spannende Bühnenfassung ist es. Kreiert von Regisseur Robin Andermatt, Jarina Müller-Frischkopf und Anna-Kirstine Linke (Assistenz), anhand von zahllosen Zeitdokumenten, eigenständig und authentisch. Die «Saga» wird ohne überflüssige Sentimentalität oder Brutalität, fast holzschnittartig wiedergegeben.

Noemi Denver, Severin Villiger und Heinz Krummenacher im Ford V8 auf wilder Flucht.

Noemi Denver, Severin Villiger und Heinz Krummenacher im Ford V8 auf wilder Flucht.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 15. Oktober 2022)

Erzählt wird, wie eine gewisse Bonnie Elizabeth Parker und ihr Geliebter, Clyde Chestnut Barrow, beide aus Texas, in den US-Medien für erhebliches Aufsehen sorgen. Dies von 1931 bis 1934 während der grossen Wirtschaftskrise. Obwohl die beiden mit ihrer Gang nicht weniger als 14 Morde, hauptsächlich an Polizisten, verüben, werden sie Kult.

Man findet sich in einer Zeit wieder, in welcher in der amerikanischen Gesellschaft widrige Umstände herrschen und Kinder armer Landarbeiter kaum eine Chance auf ein vernünftiges Arbeitsleben haben. Da prägt das Gangsterpaar die Metapher: «Wir beide gegen den Rest der Welt!» Bereits 1934, als Bonnie und Clyde in eine Falle tappen und 167 tödliche Projektile auf ihren Ford abgefeuert werden, warten 30'000 Leute auf den Transport mit den Leichen der beiden. Und bis zum heutigen Tag ist das umherziehende und gejagte Gangsterpärchen Inbegriff für unverbrüchliche Liebe und Zusammenhalt bis in den Tod geblieben.

Faszinierend bildhafte Inszenierung

Das Ensemble des Theaters Sarnen verhilft der Legende um Bonnie und Clyde zu frischem Glanz – und zu faszinierender Bildhaftigkeit. Dies anhand zahlreicher authentisch aber eben auch schauspielerisch umgesetzter Dokumente. Nonstop werden attraktive Spieltechniken und Effekte des modernen Theaters angewendet. So schlüpfen die neun Darstellerinnen und Darsteller auf der Bühne eins übers andere Mal in ganz verschiedene Rollen. Sie wechseln dabei in unglaublichem Tempo die Kostüme.

Nina Steinmann hat sie malerisch illustrativ gebildet. Mit ihrem Ford V8 (Baujahr 1932) – im Stück ist er auf seine Lederpolster reduziert – begeben sie sich auf Raubzüge und überfallen in Südstaaten auf dem Land Lebensmittelgeschäfte, Tankstellen und kleine Banken. Wenn sie, verbunden mit andern Kriminellen, im Auto sitzen oder Widersachern schwer bewaffnet entgegentreten, wird jede Geste, jede Bewegung zu bildhafter Choreografie.

Noemi Denver und Hannes Krummenacher als Bonnie und Clyde.

Noemi Denver und Hannes Krummenacher als Bonnie und Clyde.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 15. Oktober 2022)

Dabei tritt die Truppe – Hannes Krummenacher, Uma Meyer, Leila Denver, Severin Villiger, Franziska Heinzer, Joël Siegrist, Noemi Denver, Florian Sulzbach und Jenny Raimann – im Kollektiv auf. Bald in dieser, bald in jener Rolle. Ganz junge Spielerinnen und Spieler treffen auf erfahrene, reifere Darstellerinnen und Darsteller. Ein Mix, der für diese Gangster-Romanze wie geschaffen ist.

Skurrile Waffen im Einsatz

Fantasievoll und variantenreich wird das mit spinnwebartigem Metalldraht ausgestattete düster miterzählende Bühnenbild von Silja Senn bespielt. Immer wieder verblüfft die Aufführung mit Lichteffekten (Martin Brun) oder mit Requisiten (Regula Camenzind). Von einer riesigen Rolle wird Papier abgewickelt, gefaltet, zerrissen und zusammengefügt. Damit illustriert das Ensemble selbst Dinge, die sich mit Worten kaum sagen liessen. Auf einer Jasstafel werden die Morde wie «Stiche» festgehalten.

Apropos Morde: Immer wieder kommen skurrile Waffen in Trommelwirbeln rhythmisch knallend zum Einsatz. In der Musik liegt auch die künstlerisch frappanteste Stärke dieser Aufführung. Wie Joel Schoch (er bezeichnet sich als diplomierter Chnöpflidreher und Schlagmeister) und Dominic Röthlisberger (Brummzupfstreicher) auf Mord- wie Liebesszenen mit ihren Instrumenten reagieren, ist ganz grosse Klasse.

Uma Meyer als Bonnie bedroht Florian Sulzbach als Cop.

Uma Meyer als Bonnie bedroht Florian Sulzbach als Cop.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 15. Oktober 2022)

Das Einzige, was sich Besuchende bei dieser Produktion nicht zu Herzen nehmen sollten, ist der Wahlspruch des Gangsterpärchens: «Niämer darf vo nüt wüssä!»

Hinweis: «Bonnie & Clyde» läuft bis zum 12. November. Reservation unter www.theater-sarnen.ch.