Tunnel Kaiserstuhl
Abnehmer für Ausbruchmaterial gesucht

Die Verarbeitung von Hunderttausenden von Tonnen Gestein aus dem Sprengvortrieb des Kaiserstuhltunnels ist eine logistische Herausforderung, die sorgfältiger Vorbereitung bedarf. Schon jetzt startet der Kanton deshalb das Ausschreibungsverfahren.

Philipp Unterschütz
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In der Nacht auf Donnerstag wurde die Fussgängerpasserelle beim OWI-Land Giswil aufgebaut. Sie dient dem Baustellenpersonal, später auch den Baustellenbesuchern und Wanderern zur sicheren Überquerung der Brünigstrasse.

In der Nacht auf Donnerstag wurde die Fussgängerpasserelle beim OWI-Land Giswil aufgebaut. Sie dient dem Baustellenpersonal, später auch den Baustellenbesuchern und Wanderern zur sicheren Überquerung der Brünigstrasse.

Bild: PD

Es sind Berge, die aus dem Berg kommen. Wenn voraussichtlich ab 2024 die Mineure die Röhre für den 2,1 Kilometer langen Kaiserstuhltunnel von Giswil nach Lungern aus dem Fels sprengen, werden sie enorme Mengen an Ausbruchmaterial ans Tageslicht fördern. Für den eigentlichen Strassentunnel und den bereits begonnenen Erkundungsstollen sind es insgesamt rund 605'000 Kubikmeter oder 930'000 Tonnen Gestein. Zum grossen Teil ist das hochwertiges Rohmaterial, das wiederverwendet werden kann und laut Gesetz auch muss.

Obwohl es bis zum Baubeginn des Strassentunnels noch fast drei Jahre dauert, hat der Kanton, der das Bauwerk im Auftrag des Bundes erstellt, bereits jetzt die Ausschreibung zur Verwertung des Ausbruchmaterials begonnen. «Bei dieser grossen Menge an verwertbarem Material braucht ein Abnehmer diese Vorlaufzeit, um seine Abklärungen zu treffen, notwendige Lagerkapazitäten zu schaffen oder allfällige Bewilligungen einzuholen», erklärt Projektleiter Daniel Fanger. Die Offertabgabe muss Ende Juni 2022 erfolgen, Ausführungstermin ist von September 2024 bis November 2027.

Aus Kostengründen keine Aufbereitung direkt vor Ort

Basis für die Ausschreibung der Verwertung des Materials ist ein eigens dafür erstelltes Ausschreibungskonzept, das die aus zwei spezialisierten Firmen bestehende Ingenieurgemeinschaft Kaiserstuhl verfasst hat. Danach wird die Bewältigung des Materials der beiden Vortriebe von Nord und Süd in zwei separaten Losen vergeben. Weil der Kaiserstuhltunnel zum grössten Teil vom Nordportal her vorgetrieben wird, fällt das meiste Material in Giswil an. Das Ausschreibungskonzept rechnet mit 338'000 Tonnen verwertbarem Material. Dieser Auftrag wird nach dem jetzt eingeleiteten offenen Verfahren im September 2022 vergeben. Beim Südportal, wo es nur um etwas mehr als 30'000 Tonnen geht, wird der Auftrag voraussichtlich im Dezember 2022 freihändig vergeben.

Hochwertiges Ausbruchmaterial wird wiederverwendet, weniger hochwertiges wird für Schüttungen verwendet. Oft wird bei Tunnelbauprojekten geeignetes Material direkt auf der Baustelle aufbereitet. Laut Daniel Fanger ist das beim Kaiserstuhltunnel aber nicht möglich: «Einerseits aus Platzgründen, andererseits aber auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die Kosten einer Aufbereitungsanlage wären im Verhältnis zur anfallenden Menge an Ausbruchmaterial doch zu hoch.»

Schüttung macht Bewirtschaftung von Kulturland einfacher

Über 500'000 Tonnen Ausbruchmaterial können im Projekt aber für Schüttungen und Hinterfüllungen verwendet werden. Unmittelbar beim Portal Nord befinden sich die beiden grössten Schüttungen. Oberhalb des OWI-Lands werden mit der Schüttung Landhaus steile Böschungen entlang der Brünigstrasse abgeflacht, was die Bewirtschaftung des Kulturlandes vereinfacht. Mit der Schüttung Giswil unterhalb des OWI-Lands wird der nötige Platz für die Ein- und Ausfahrten der zukünftigen Nationalstrasse geschaffen. «Weil beide Schüttungen unmittelbar beim Nordportal des Tunnels Kaiserstuhl liegen, sind die Transportdistanzen minimal», freut sich Daniel Fanger über die umwelttechnisch günstigen Verhältnisse.

Unterhalb der Brünigstrasse beim OWI-Land wird Aushubmaterial von der Baustelle geschüttet, um steile Böschungen abzuflachen.

Unterhalb der Brünigstrasse beim OWI-Land wird Aushubmaterial von der Baustelle geschüttet, um steile Böschungen abzuflachen.

Bild: Philipp Unterschütz (Giswil 7. August 2020)

Beim Material, auf das die Mineure beim Nordportal mehrheitlich stossen, handelt es sich um hochwertige Kalkgesteine. Dieses Material soll als Rohstoff für die Herstellung von Baustoffen wie Kiessandgemisch für Fundationen, Ziersplitt/-kies, Bahnschotter, Betonkies oder Belagssplit dienen. Beim jetzt gestarteten Verfahren geht es insbesondere um dieses Überschussmaterial, welches nicht im Projekt selber verwendet werden kann und das zur Weiterverarbeitung oder zum Deponieren abgeführt werden muss.

Sondierstollen liefert wichtige Erkenntnisse

Der Erkundungsstollen verläuft in einem Abstand von 25 Metern parallel zum Haupttunnel. Anhand des Ausbruchmaterials des Erkundungsstollens kann also ziemlich genau ermittelt werden, welche Eigenschaften das Ausbruchmaterial in den einzelnen Gesteinsformationen aufweist, erklärt Daniel Fanger. «Und damit weiss der Abnehmer, zu welchen Produkten sich das Ausbruchmaterial verarbeiten lässt, und er kann eine gut fundierte Offerte abgeben.» In den nächsten Monaten werden die Anbieter das Ausbruchmaterial jeweils nach Erreichen einer Gesteinszone vor Ort begutachten können.

Konkret wird es so ablaufen, dass der Tunnelunternehmer das Ausbruchmaterial auf das Zwischenlager auf dem Installationsplatz in der Nähe des Tunnelportals Nord kippt. Der Abnehmer des Ausbruchmaterials erledigt dann den Auflad und Abtransport des Ausbruchmaterials in sein eigenes Zwischenlager. Dabei muss er die maximalen Vortriebsleistungen des Tunnelbaus berücksichtigen und Auflad und Abtransport von 1'400 Tonnen Gestein pro Tag bewältigen können. «Bei der Vergabe des Auftrags werden Kriterien wie die Transportdistanz und die Art der Rohstoffverwertung einen ähnlich hohen Stellenwert haben wie der Preis. Ein ökologisch sinnvoller Umgang mit dem Ausbruchmaterial ist grundlegend beim Bau eines Tunnels und ist für uns als Bauherr sehr wichtig», betont Fanger.