WANDERSERIE: Der Aufstieg in eine andere Welt

Viktor Röthlin (39) liebt das Wandern, die Erlebnisse am Berg geben ihm Kraft für den Alltag. Das war nicht immer so, wie er auf unserer Wanderung erzählt.

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Das Wandern ist des Röthlins Lust: Marathon-Europameister Viktor Röthlin ist an einem seiner Lieblingsorte unterwegs – dem Stanserhorn. (Bild Pius Amrein)

Das Wandern ist des Röthlins Lust: Marathon-Europameister Viktor Röthlin ist an einem seiner Lieblingsorte unterwegs – dem Stanserhorn. (Bild Pius Amrein)

Wenn Viktor Röthlin (39) Freunde aus dem Ausland zu Besuch hat, gerät er als Fremdenführer oft in ein Dilemma. «Am liebsten würde ich sie ja auf den Pilatus, Titlis und das Stanserhorn mitnehmen», sagt er, «aber ihr Budget reicht nur für einen Berg.» Im Laufe der Jahre hat sich der Marathon-Europameister daher die Strategie des radikalen Aussortierens zurechtgelegt – mit dem Ausgang, dass sich die meisten seiner Gäste auf dem Stanserhorn wiederfinden.

«Ich sage ihnen: Falls ihr schon mal Schnee berührt habt, braucht ihr nicht auf den Titlis. Und wenn ihr nicht an Technik interessiert seid, dann streichen wir den Pilatus mit der Zahnradbahn», erklärt Röthlin und lässt den Blick in die Ferne schweifen. Es folgt ein kurzer Moment der Ruhe, in dem er entspannt und glücklich dreinblickt. Röthlin geniesst das sich hier auf dem Gipfelrundweg des Stanserhorns bietende Panorama – bevor seine bislang nüchterne Erzählung in Schwärmerei übergeht. «Diese herrliche Rundum-Sicht bietet sich an keinem anderen Berg so wie hier», sagt er begeistert.

Hier auf dem Stanserhorn fühlt sich Viktor Röthlin so richtig wohl. Hier kann er abschalten und die vielen Pressetermine und Werbeaufnahmen hinter sich lassen, die er zwar als einen essenziellen, Geld bringenden Teil seines Jobs akzeptiert hat und stets professionell hinter sich bringt, die er aber auch nach all den Jahren noch eher als eine lästige, eben zu erledigende Pflicht ansieht. Und bei denen er auch mal die Geduld verliert, wenn nicht alles perfekt organisiert ist und ihm etwas zu lange dauert. Momente, die einer anderen Welt angehören zu scheinen, solange er sich hier oben in der Idylle des Stanserhorns aufhält.

An diesem Ort auf fast 1900 Metern Höhe fühlt sich er, der Profisportler, der für Trainingslager oder Wettkämpfe seit Jahren kreuz und quer durch die Welt reist, daheim. Beim Blick auf Kerns, wo er aufgewachsen ist, zum Beispiel. Beim Blick auf Ennetmoos, wo er heute mit seiner Frau Renate, mit der er seit 2009 verheiratet ist, sowie seiner zweieinhalbjährigen Tochter Luna und dem Anfang April geborenen Sohn Ben lebt. Oder beim Blick auf den benachbarten Brisen, auf den für Röthlin eine der schönsten Tagestouren der Zentralschweiz führt. Und erst recht, wenn er am Murmeltiergehege vorbeischlendert und sich daran erinnert, wie begeistert Töchterchen Luna war, als sie vor über einem Jahr erstmals diese Murmeltiere sah.

Es ist ein Moment, in dem sich Viktor Röthlin an seine eigene Kindheit erinnert. Eine Kindheit, in der die Bergwelt eine ganz zentrale Rolle spielte. «Als kleiner Bub bin ich mit meinen Eltern immer gewandert», erzählt Röthlin. Damals, als er das Wandern noch geliebt hatte. Doch in der Teenagerzeit veränderte sich das – als die Sehnsucht nach dem Meer immer grösser wurde und die Begeisterung fürs Wandern verdrängte. «Nach den Ferien durften immer alle in der Schule erzählen, wo sie gewesen sind und was sie erlebt hatten. Sie erzählten vom Strand in Italien, in Spanien, und ich sass da und dachte mir nur, wie cool es doch wäre, wenn ich dort auch gewesen wäre. Aber wir waren ja in den Bergen», blickt Röthlin zurück, «als Teenager habe ich daher dann das Wandern gehasst.»

Ferien am Strand blieben für Röthlin viele Jahre eine unerfüllte Sehnsucht – bis ihm der Sport eine einmalige Gelegenheit bescherte. «Als ich 19 Jahre alt war, hatte ich mich für die Junioren-EM in San Sebastian qualifiziert. Da war ich dann zum ersten Mal am Meer», erinnert er sich, «da habe ich eine Woche lang so viel Zeit wie nur möglich am Meer verbracht. Das war damals eine riesige Sache für mich.»

Piz Palü (3901 Meter) bestiegen

Und es war so etwas wie die Aussöhnung mit der Bergwelt. Denn seither ist Röthlins Liebe zu den Bergen neu entflammt. Längst ist sie wieder so gross, dass er sich für die Zeit nach seiner Karriere als Marathonläufer schon einige Ziele, oder besser gesagt Gipfel, vorgenommen hat. Das Matterhorn, den Eiger, und, und, und. Hochalpine Touren, die ihn reizen – für die in den vergangenen Jahren aber meist kein Platz war. «Dafür brauchst du eine ganz andere Muskulatur», sagt Röthlin, «ausserdem fängst du dir einen Muskelkater ein – das kann ich mir vier Wochen vor einem Wettkampf nicht mehr leisten.» Vergangenes Frühjahr ergab es sich dennoch, dass er mit seiner Frau den Piz Palü, einem 3901 Meter hohen Berg in der Berninagruppe, bestieg. «Wir sind um 3 Uhr aufgestanden und um 3.30 Uhr losgegangen. Um 9 Uhr waren wir oben – einfach genial», sagt Röthlin.

Seine Augen beginnen zu funkeln, als er vom Sonnenaufgang am Berg erzählt. Dann wendet sich sein Blick Richtung Ennetmoos zu seinem Grundstück. «Wir müssen jetzt zur Bahn und dann runter», sagt er, «ich muss heute Nachmittag noch Rasen mähen.» Die harte Realität hat Viktor Röthlin wieder.